Warum sind wir hier?
Heute, zur Walpurgisnacht, sind wir hier, um patriarchale Machtverhältnisse und Strukturen anzugreifen. Die sind aber vielschichtig und ineinander verschränkt; der Kampf gegen sie kann nicht eindimensional sein, ein kämpfendes „wir“ ebenso wenig.
Das „wir“ jedoch hat in den Frauenbewegungen weltweit immer wieder Problematiken aufgebracht.
Ein „wir Frauen“ birgt die Gefahr, damit zu beanspruchen, für alle als weiblich bezeichneten Menschen zu sprechen.
Dieser Anspruch klammert völlig aus, dass es auch für sogenannte Frauen Unterschiede in der gesellschaftlichen Stellung gibt, die mehr oder weniger große Privilegien beinhalten können.
Sicherlich war es in vielerlei Hinsicht richtig und wichtig, ein „wir“ zu formulieren, um Solidarität zu schaffen, mit der die Sprachlosigkeit überwunden werden konnte und von der aus Unterdrückung und Diskriminierung angreifbar waren.
In einem gemeinsamen politischen Kampf müssen allerdings immer wieder Fragen gestellt werden:
Wer spricht für das „wir“? Was sind die Probleme und Interessen dieses „wir Frauen“?
Gerade auch in feministischen Debatten und Politiken in Deutschland fanden und finden sich Menschen mit sogenanntem „Migrationshintergrund“ in marginalisierten Positionen wieder.
Diese Problematik wird zwar teilweise reflektiert; die feministische politische Praxis jedoch ist oft dominiert von Positionen weißer deutscher intellektueller Frauen und Lesben. Diejenigen, die nicht in diese Gruppierung passen bleiben „die Anderen“ und damit auf ihren sozialen oder „Migrationshintergrund“ fixiert.
Aber: Gibt es „die Migrantin“ überhaupt? Inwieweit fange ich durch mein Sprechen bereits an, Zuschreibungen zu machen und auszugrenzen?
Das sind nur zwei von vielen Fragen, die wir mitdenken möchten, wenn wir Rassismen aller Art aus einer feministischen Position heraus angreifen.
Rassismus und Sexismus lassen sich nicht als Diskriminierungen gleichsetzen, greifen aber oft ineinander.
Sie finden sich in der alltäglichen Bilder- und Medienwelt, aber auch tief verhaftet in unseren Köpfen und unserer Sprache.Zum Beispiel wenn Frauen als „dunkle Schönheit“ oder exotisch bezeichnet werden. Oder wenn von einem Kopftuch auf eine zwangsläufig unterdrückte und bemitleidenswerte Frau geschlossen wird, der automatisch alle Nicht-Kopftuchtragenden in ihrer Emanzipation überlegen sind.
Rassismus ist in Deutschland Normalzustand und manifestiert sich in Institutionen und Gesetzgebungen. Wer das Recht auf Migration zugesprochen bekommt und wer nicht, wird anhand einer rassistischen Ökonomie entschieden, die Menschen nach Verwertbarkeit klassifiziert und überhaupt erst Standards für diese Verwertbarkeit setzt.
Frau ist also nicht gleich Frau: die Ausgangspunkte, Handlungsspielräume und Privilegien bedeuten große Unterschiede.
Auch ich, die ich hier spreche bin von unterschiedlichen Unterdrückungen betroffen, dazu gehören zB patriarchale Strukturen und Sexismen. Aber ich bin gleichzeitig auch privilegiert durch Weißsein, in Deutschland deutsch sprechen, eine Uni besuchen und vieles mehr.
So haben wir unterschiedliche Lebensrealitäten, Selbstdefinitionen, verorten uns politisch verschieden usw.. Dennoch sind wir heute zusammen auf der Straße.
Ein „wir“ ist also nicht ganz und gar unmöglich. Vielleicht können wir in dem Bewusstsein, eine heterogene Gruppe und in jeweils verschiedene Machtverhältnisse verstrickt zu sein, ein „wir“ formulieren. Ein „wir“ das Solidarität ausdrückt, ohne Differenz auszublenden, ein „wir“ das keiner vermeintlichen Gleichheit bedarf aber trotzdem Gleichberechtigung anstrebt, ein „wir“, dass sich in der Formulierung konkreter Ziele in konkreten Kämpfen ausdrückt.
Weil wir selbst in den rassistischen Normalzustand involviert sind muss der Kampf gegen ihn auch aus feministischer Perspektive geführt werden. Wir wollen dagegen kämpfen, dass Menschen als sogenannte Frauen und/ oder als sogenannte „Nicht-Deutsche“ bzw Migrantinnen diskriminiert und marginalisiert werden.
Wir wenden uns gegen eine Einteilung und Kategorisierung von Menschen in Deutsch und nicht-deutsch, in schwarz und weiß, in aufenthaltsberechtigt und illegal, gegen eine Einteilung in Menschen, die als Norm gelten und solche, die als „fremd“ oder „anders“ betrachtet werden.
Wir stellen Maximalforderungen:
Wir fordern ein Bleiberecht für alle, die Abschaffung aller Lager und sonstiger rassistischer Institutionen, globale Bewegungsfreiheit für alle!