Prison's Dialogue
HOME
Im Exil lebende ehemalige politische Gefangene (Iran)
 

 


Die Rede von Mahmoud Khalili, ehemaliger politischer Gefangener

Mit vielen Grüßen an den Gefallenen der Freiheit und den Anwesenden!

Ich, M. Khalili, bin einer der Überlebenden des Massakers an einer ganzen Generation von politischen Gefangenen im Sommer 1988 im Iran.

Wir haben uns heute zum 14. Jahrestag dieses Massakers versammelt.

Auf dem Khavaran Friedhof in Teheran haben sich zum diesjährigen Gedenken an die Gefallenen vom Sommer 1988 250 ihrer Angehörigen versammelt. Eine Grußbotschaft von Dr. Nasser Zarafshan wurde verlesen.

Zu Ehren meiner ermordeten MitkämpferInnen und aus Solidarität mit ihren Familienangehörigen lasse ich die damaligen Ereignisse noch einmal Revue passieren.

Am 27.07.1988 sind die Pasdaran (Revolutionsgardisten) in unsere Zelle eingedrungen und haben unser einziges Fernsehgerät mitgenommen. Wir erhielten keine Zeitungen mehr, der Ausgang im Hof und die Besuche von Familienangehörigen wurden verboten, auch die Kranken wurden nicht mehr zur Klinik des Gefängnisses gebracht.

Unsere Familienangehörigen, die besorgt zum Gohardasht-Gefängnis gekommen waren, wurden ohne Erklärung zurückgeschickt.

Nach der Verlegung der religiösen Gefangenen am 1987 war unsere Zelle im Gohardasht-Gefängnis als die Zelle für die zu über 10 Jahren Verurteilten bekannt geworden.“

Unsere einzige Kontaktmöglichkeit durch den Besuch von Familienmitgliedern und in der Gefängnisklinik war abgeschafft worden. Wir konnten nur durch Morsezeichen mit anderen Zellen Informationen austauschen.

Die Behandlung der Gefangenen in den „einsortierten“ Zellen war ganz unterschiedlich . Für ihre Fragen, warum die Kranken nicht zur Klinik gebracht würden oder warum eine neue Situation im Gefängnis herrscht, wurden die Gefangenen aus der Zelle der Melikeshha 1 sehr brutal geschlagen.

Bei uns in Zelle 6 haben wir auf einmal unser Essen nicht mehr von den im Gefängnis arbeitenden Afghanen oder von den normalen Gefangenen bekommen, sondern von Pasdaran (Revolutionswächtern).

Den Gefangenen aus dem Evin Gefängnis, die ins Gohardasht verlegt worden waren, hatte man gesagt, dass die Kanalisation des Evin-Gefängnisses verstopft sei und abgepumpt werden müsse.

Wir Insassen in Zelle 6 haben uns entschlossen, aus Protest gegen die neue Situation in einem Hungerstreik zu treten. Einer der Verantwortlichen des Gefängnisses kam und versuchte uns erst mit leeren Versprechen und Warnungen, später mit Aggression zum Schweigen bringen. Wir waren vor dem Massaker an den linken Gefangenen bereits dreimal in einen Hungerstreik getreten, aber die Gefängnisbehörden hatten sich nie dafür interessiert“

Am 6. oder 7. August 1988 haben sie eine Gruppe von Gefangenen zu unseren Toiletten gebracht, wir haben die Stimmen gehört. Später wurde eine weitere Gruppe zu unserem Hof gebracht. Am nächsten Tag haben wir durch einen Sehschlitz die Latschen der Gefangenen auf einem Haufen bei der Eisentür des Gefängnisses liegen sehen.

Ungefähr am 18. oder 19 . August haben die Pasdaran eine Gruppe von Gefangenen zu einem Nebenraum gebracht (Anm.: Solche Nebenräume, ähnlich einem Korridor, befinden sich im Eingangsbereich der Zellen, die i. d. R. aus einem 4x4m großen Raum, einem kleinen Bad und einer Toilette bestehen). Wir haben durch Morsezeichen erfahren, dass alle bis auf einen, den wir vom Ghesel Hesar Gefängnis her kannten, Mitglieder der Volksmudjaheddin sind. Der erzählte von Berichten der Mudjaheddin, nach denen das Regime dabei sei, die Gefangenen umzubringen und sie die einzigen Überlebenden einer Zelle mit 230 Gefangenen wären. Alle andere seien gehängt worden.

Als wir das hörten und unsere Informationen durch Morsezeichen mit den Gefangenen der Nachbarzelle austauschten, kamen wir zu dem Schluss, dass diese Meldungen übliche Übertreibungen der Volksmudjaheddin wären und nicht stimmen konnten.

Wir kamen zu der Ansicht, dass im Lande was geschieht, wovon wir nichts wussten und dass das Regime durch die Verlegungen unter den Gefangen Angst und Verunsicherung schüren will. Ein Massaker an Gefangenen, die bereits vor Jahren verurteilt worden waren und keine Kontakte zu den Organisationen draußen hatten, war für uns nicht vorstellbar.

Deswegen konnten wir auch nicht glauben, dass das Regime den Rest dieser Gruppe von 230 Gefangenen umbringen würde. Es war nicht einleuchtend, Gefangene zu hinrichten, die schon zu Haftstrafen verurteilt worden waren.

Am 27. August 1988 wurde ich mit Davoud, einem meiner Mitgefangenen, gegen 13 Uhr aufgerufen. Sie haben uns mit verbundenen Augen ins Untergeschoss gebracht. Im Korridor war viel Verkehr.

Bevor wir in den Hauptsaal kamen, haben sie uns einem schmalen Korridor passieren lassen. Dort habe ich die eklige Stimme von Davoud Lashgari gehört, der nur eine Frage stellte: „Betest Du?“

Als ich seine Frage mit „Nein“ beantwortete, haben mich zwei Pasdaran zu Nasserian, dem Chef des Gohardasht Gefängnisses, gebracht. Auch der stellte nur eine Frage an mich: „Wirst du eine Interview geben?“ Meine Antwort war auch dieses Mal „Nein“. Daraufhin befahl er, mich wegzubringen.

Die zwei Pasadaran brachten mich zum Hauptgang und haben mich dort an der Wand abgesetzt. Ich war in einer sehr außergewöhnlichen Situation und fragte mich, was sie von mir wollten.

Gegen 14 Uhr wurden eine Gruppe von Gefangenen mit einigem Abstand zu mir an derselben Wand hingesetzt. Nach einer Weile rief einer der Wächter: „Hadji, anfangen?“ Ich dachte, dass ich gleich geschlagen würde. Ich habe Kabelschläge, Fäuste und Tritte erwartet. Der Nasserian, der Hadji genannt wurde, hat daraufhin geantwortet: „Die sind am Ende. Ihr könnt sie nach oben bringen“ Und die Gruppe wurde hinausgeführt.

Nach einer Stunde wurde eine andere Gruppe von Gefangenen hereingebracht. Dasselbe Procedere wie vorher wurde durchgeführt. Dieses Mal rief mein Mitgefangener Davoud: „Ich sitze hier schon lange. Bringt mich auch weg.“ Ein Pasdar sagte zu ihm: „Keine Eile. Du kommst auch dran“.

Ich hörte zwei schwere Autos. Zuerst habe ich gedacht, dass es die Busse der Gefängnisangestellten wären. Dann dachte ich, dass vielleicht die Gefangenen verlegt würden.

Nach einer Weile hat ein Pasdar gerufen: „Hadji, die LKWs sind da!“. Lashgari hat geantwortet: „Wir fangen jetzt auch an“.

Gegen 19 Uhr wurde ich zusammen mit einem anderen Gefangenen abgeholt. Zuerst wurde der andere in ein Zimmer gebracht. Ich musste warten. Dann wurde auch ich hereingeholt. Jemand hat von hinten meine Augenbinde abgenommen. Nayyeri (religiöser Richter) und Eshragi saßen hinter einem Tisch. Nasserin stand neben den beiden. Ein paar Personen standen im Dunkeln. Ich saß. Nayyeri fragte mich nach meinem Namen, meiner Identität und meiner Anklage. Dann sagte er, dass sie eine Delegation von Imam Khomeni zur Begnadigung der politischen Gefangenen wären. Ich sollte eine Erklärung unterschreiben, wenn ich an meiner Begnadigung interessiert wäre.

Nasserian hat mir die Erklärung mit folgendem Inhalt vorgelegt: „Ich, mit Wissen um die Großzügigkeit des Islam, verabscheue den Marxismus und alle kommunistischen Organisationen insbesondere die, mit der ich zusammengearbeitet habe.“

Ich habe geantwortet, dass ich zu 15 Jahren Haft verurteilt worden bin und nicht um die Begnadigung gebeten habe. Wenn Gefangene begnadigt werden sollen, brauchen sie keine Erklärung zu unterschrieben.

Dann hat Eshraghi mich gefragt: „Hast du bis jetzt überhaupt gebetet?“ Ich verneinte seine Frage. Er fragte noch einmal, ob ich nach Mashhad gepilgert wäre. Ich verneinte seine Frage wieder. Er hat mich gefragt, ob mein Vater betete. Ich habe geantwortet, dass mein Vater verstorben sei, als ich festgenommen wurde. Er fragte mich, ob ich mich daran erinnern könnte, als er noch lebte.

Nasserian sagte zu ihm, dass ich kein „Mensch“ werden kann. Sie haben alle bestätigt, dass es so ist. Eshraghi hat mich daraufhin angesprochen und sagte: „Du bist das Kind des Islam und glaubst an die Auferstehung und du musst beten.“ Ich habe darauf geantwortet, dass ich nicht beten werde.

Er sagte: „Doch, du musst beten.“ Ich habe es wieder verneint. Zum Schluss sagte er: „ Führt ihn raus und wenn er nach drei Runden Auspeitschungen immer noch nicht betet, hängt ihn auf.“ Ich habe wieder mit „Nein“ geantwortet. Nayyeri sagte: „Es ist gut.“ Eshraghi sagte zu mir: „Du verfehlst das Ziel.“ Ich war bestürzt, was sie damit meinten und erreichen wollten!

Als sie mich mit sechs anderen Gefangenen raus bringen wollten, hat einer der Wärter gerufen: „Bruder bringe sie nicht versehentlich weg wie die 37 Gefangenen.“ Später habe ich festgestellt, dass diese 37 Gefangenen gar nicht nach dem fünfminütigen Prozess hingerichtet werden sollten sondern versehentlich aufgehängt wurden.

Am selben Abend haben sie mit den Auspeitschungen auf der Folterbank begonnen. Nach vier Tagen haben sie uns in Zelle 8 verlegt, der am selben Tag „aufgeräumt“ worden war.

Am Abend haben wir durch den Sehschlitzen der angebrachten Eisenplatten am Fenster, das gegenüber das Amphitheater lag, zwei LKWs beobachtet, deren Ladeflächen nicht abgedeckt waren. Sie waren mit den Leichnamen von Gefangenen, die bis zum kurzem gelebt und ihre Ideale verteidigt hatten, überfüllt.

Dieses Massaker wurde vorbreitet, als die Versuche des Regimes, den Widerstand der Gefangenen zu brechen, fruchtlos blieben. Ab dem 1987 wurden die Gefangenen aufgrund ihres Glaubens, ihrer Überzeugungen und ihrer Verurteilungen klassifiziert. Dem Regime war bewusst, dass diese organisierten Oppositionellen mit den Erfahrungen und Organisationsfähigkeit, die sich bereits in den Gefängnissen des Schahregimes und während des Aufstandes im Februar 1979 bewährt hatten, selbst in den Gefängnissen eine latente Gefahr darstellten.

Und wenn die politischen Gefangenen aufgrund des nationalen Widerstandes und wegen des internationalem Drucks entlassen werden müssten, könnten diese Kräfte in einem Aufstand der Bevölkerung gegen das Regime eine mobilisierende Rolle spielen. Nach dem peinlichen Ende des Iran – Irak - Krieges und aufgrund des schlechten Gesundheitszustandes von Khomeini sollte dieses komplexe Problem noch zu seinen Lebzeiten und unter seinem Befehl ein für allemal gelöst werden.

Nach seinem Tod hätte sich dem Regime möglicherweise keine Gelegenheit mehr dazu geboten.

In diesem Kontext wurde ein Verbrechen gegen die Menschheit durchgeführt. Die Vernichtungsmaschinerie des Regimes ist seit seiner Machtergreifung tätig. Auch heute werden Menschen wie Dr. Nasser Zarafshan, der Anwalt der Angehörigen der politischen Kettenmorde und fünf andere Anwälte, die Regimekritiker verteidigt haben, zu Haft, Auspeitschung und Berufsverbot verurteilt. Siamak Pourzand sollte wie die Opfer der politischen Kettenmorde umgebracht werden. Er wurde gezwungen in einer Fernsehshow Geständnisse gegen seine eigene Person abzulegen. Das Regime versucht, Zarafshan wie Saidi Sirjani oder Pourzand physisch und psychisch zu vernichten.

Die Studenten, welche vor drei Jahre für die Presse- und Meinungsfreiheit demonstriert haben, sind immer noch trotz aller nationalen und internationalen Proteste in Haft und werden gefoltert. Vor zehn Tagen wurde Sirvan, ein politischer Aktivist der Organisation Komala entführt. Sein Leichnam wurde nach zwei Tagen auf der Straße gefunden.

Zwei engagierte Arbeiter sollen sich selbst aufgehängt haben. Azad Alizadeh wurde tot aufgefunden und sein Kollege, Rahmat Omran, wurde von anderen Kollegen gerettet.

Vor vier Tagen wurden drei Straßenverkäufer in Mahabad von den Pasdaran, den Revolutionswächtern, ermordet. Das Regime hat behauptet, dass sie mit Alkohol gehandelt hätten. Dies hat Proteste unter der Bevölkerung ausgelöst, die in die Büros von Justiz und Staatsanwaltschaft stürmte. In der Folge kam es zu Verhaftungen.

Nach Meldungen der offiziellen Presse sind im Iran seit Januar dieses Jahres mehr als 240 Personen in den Gefängnissen oder öffentlich erschossen oder aufgehängt worden. Innerhalb der letzten zwei Jahren sind 19 Personen, darunter 14 Frauen, gesteinigt worden. Laut Aussage von Bakhtiari, dem Vorsitzenden der iranischen Gefängnisse, werden jährlich mehr als 600.000 Menschen verhaftet. Die Mehrheit der Festgenommenen sind Jugendliche, Journalisten, StudentInnen, Arbeiter …

Auch heute noch sind die Gefängnisse der Islamischen Republik Iran mit inhaftierten Oppositionellen, ArbeiterInnen, LehrerInnen, StudentInnen, Frauen und Jugendlichen überfüllt, die der Folter ausgesetzt sind. Unsere Geschichte zeigt noch immer Hinrichtungen und Todeskommandos.

Aber wir müssen wachsam sein und die Menschenrechtsorganisationen davor warnen, dass das islamische Regime im Iran erneut ein Massaker plant und die mögliche Gefahr der Wiederholung der Hinrichtungswellen in den iranischen Gefängnissen vom Sommer 1988 zunimmt.

Vernichtung und Tod sind die spezifischen Zeichen des mittelalterlichen islamischen Regimes im Iran.

Ich danke Ihnen und den OrganisatorInnen dieser Gedenkveranstaltung

___________________________

1- Ein alter Begriff von Gefängnissen zu Schahzeit. So nennt man die Gefangenen, die ihre Haftzeit hinter sich haben und dennoch in Haft bleiben müssen.

Adresse: Dialog
Postamt1 / Postlagernd
04109 Leipzig /Germany
Email: dialogt@web.de