Prison's Dialogue
HOME
Im Exil lebende ehemalige politische Gefangene (Iran)
 

 


19.07.2005

Interview
Interview: Ralf Streck

»Wir wollen auf die Lage im Iran hinweisen«

Erster Kongreß über Massaker und Lage der politischen Gefangenen im Iran fand in Köln statt. Ein Gespräch mit Siavosh Mahmoudi

* Siavosh Mahmoudi gehört der Gruppe »Dialog« an, die mit anderen zusammen am Wochenende in Köln den ersten Kongreß über die Massaker an politischen Gefangenen im Iran abhielt.

F: Welche Massaker standen im Mittelpunkt des Kongresses?

Drei Jahre nach der Revolution von 1979 begann eine scharfe Repression der Mullahs gegen die Linke. Sie richtete sich gegen Kommunisten, linke Arbeiter, Studenten und Mudschahedin, die es damals noch gab. 1983 wurden in den Knästen und auf der Straße mehr als 10 000 Menschen ermordet. 1988, nach dem Krieg mit dem Irak, wurden in nur drei Wochen mehr als 5000 Menschen umgebracht. Noch immer sind viele Menschen verschwunden, ihre Organisationen vernichtet sind und viele Menschen ins Exil geflohen.

F: Der Kölner Kongreß war der erste dieser Art. Gab es vorher schon Bemühungen, die Morde im Iran zum Thema zu machen?

Das gab es bisher nur in kleineren Zirkeln. Ehemalige Gefangene hatten den Kölner Kongreß im größeren Maßstab aufgezogen, wobei uns überrascht hat, daß 400 Besucher kamen. Wie wichtig solche Veranstaltungen sind, sieht man daran, daß selbst die iranische Jugend heute nicht viel davon weiß, was in ihrem Land vorgefallen ist. Sie weiß auch wenig davon, daß Folter und Mord heute noch in iranischen Gefängnissen alltäglich sind.

Parallel zum Kongreß hatten wir Internet-Arbeitsgruppen gebildet, an denen noch einmal fast 400 Menschen teilnahmen. Auf diese Weise hat man auch im Iran selbst von dem Kongreß erfahren.

F: Ging es mehr um den Erfahrungsaustausch oder um Perspektiven, wie der Kampf gegen das Regime anzulegen ist?

Wir hatten drei Hauptthemen: Erstens die Lage der Familien der politischen Gefangenen. Zweitens sprachen wir über die Unterdrückung im Lande und die Rolle der Gefängnisse und der Repressionen für den Klassenkampf. Und drittens ging es um psychologische Folter. Zu diesem Thema haben Psychologen, Ärzte und Journalisten Beiträge geleistet. Dazu muß man wissen, daß politische Häftlinge zum Teil jahrelang in dunkle Kisten eingesperrt waren und den ganzen Tag mit Koranversen beschallt wurden.

Natürlich ging es auch um Perspektiven: Wie holt man Gefangene aus dem Knast? Welche Menschen werden heute als politische Gefangene eingesperrt? Im Iran gibt es immer noch Widerstand gegen das Mullah-Regime, und die Linke ist darin verankert.

F: Sind Sie mit den Ergebnissen des Kongresses zufrieden?

Es ist schon Ergebnis genug, daß wir uns überhaupt austauschen konnten. Hinzu kommt, daß es gelungen ist, viele Rundfunksender und Zeitungen auf die Lage im Iran aufmerksam zu machen. Schließlich behauptet die Regierung, es gebe dort nur etwa 70 politische Gefangene.
In der nächsten Zeit wird sich unsere Arbeit darauf konzentrieren, den Austausch untereinander zu verbessern. Die Information der Öffentlichkeit soll intensiviert werden, wir werden auch die Arbeit an den Gefängnisheften »Tondar« (Donner) fortsetzen. Viele Kongreßteilnehmer wollen daran mitarbeiten, so daß wir unsere Materialien in viele Sprachen übersetzen können.

F: Hat der Kongreß organisatorische Konsequenzen? Eventuell ein weiteres Treffen?

Darüber wurde lange diskutiert. Kritisiert wurde zunächst, daß die Kongreßsprache ausschließlich persisch war. Es wäre aber kompliziert und zu teuer geworden, wenn wir Übersetzungen organisiert hätten. Enttäuscht waren wir darüber, daß es in Deutschland kaum Solidarität mit den Opfern aus dem Iran gibt. Wir hatten für den Samstag extra eine Veranstaltung in deutscher Sprache angesetzt, viele Gruppen waren eingeladen worden. Bis auf eine ehemalige Angehörige der RAF kam aber niemand. Es gab nicht einmal Grußadressen aus Deutschland – wohl aber aus dem Baskenland, aus Mexiko, aus Schweden usw.

Den nächsten Kongreß werden wir möglicherweise mit anderen Gruppen zusammen organisieren – die deutsche Linke scheidet dabei aber wohl aus. Sie hat offenbar kein Interesse.

* Info: http://www.dialogt.org/ deutsch/http://dialogt.org

Adresse: Dialog
Postamt1 / Postlagernd
04109 Leipzig /Germany
Email: dialogt@web.de