Übersetzung Offener Brief:

"Gemeinsame Zeitschrift der Linken":
Überblick über einen Entwurf

Etwas gemeinsamer, etwas qualitativer, etwas radikaler

1 - Problemdarstellung

Das Thema ist nicht allzu neu. Seit Jahren werden Bemühungen unternommen, die Zerstreutheit und die Kleinarbeit der linken Zeitschriften zu vermindern. Die Existenz unabhängiger linker Zeitschriften ist die Wiedergeburt einer Bewegung, die ihre kritischen Bemühungen für das Erkennen und die Verwandlung der heutigen Welt nicht unterlässt. Diese Zeitschriften überbringen ihrer Zielgruppe eine große Menge Erfahrungen der iranischen revolutionären Bewegung, haben aber auch ihre Mängel. Zerstreutheit erzwingt automatisch Kleinarbeit und Wiederholungsarbeit. Ein Teil dieser Kleinarbeit ist unumgänglich, aber unserer Meinung nach kann man sie zu einem großen Teil vermeiden. Diese Kleinarbeit, und auf kleine Kreise beschränkte Aktivitäten als das Prinzip einer Bewegung, die Organisation und Aufklärung der Massen (Arbeiter oder Volk) zu bezeichnen, bedeutet, sich von der wirklichen Bewegung der Massen zu trennen. Einige Elemente wie das Fernsein der linken Kämpfer von der materiellen Basis des Kampfes im Iran, die Krise der linken Bewegung, Zerstreutheit der Aktiven (sowohl vom gedanklichen Aspekt als auch vom geografischen Aspekt), Druck der anti-linken Front (seien es nun Kräfte des Regimes der Islamischen Republik oder der rechten Opposition und der Konservativen), der ideologische Angriffs des weltweiten Kapitalismus und des pausenlosen kulturellen Bombardements und anderer Parameter, die außerhalb dieser Diskussion stehen haben bewirkt, dass die Neigung eher auf der Seite der Einzelaktivität und der Arbeit in Kleingruppen als auf kollektiver Arbeit liegt.
In manchen Bereichen sind "kollektive Arbeit" und Autorität des Kollektivs zu einem Tabu und zu einer schlechten Eigenschaft geworden. So unbegründet ist dies nicht: Geistlose und sterile Rahmen, die unter dem Namen "Gemeinschaft" die persönlichen Begabungen und Fähigkeiten abtöteten, durch die Niederlagen verursachte Vertrauenslosigkeit, Verrat und auch die Übertreibung der anti-linken Front über die wirklichen oder künstlichen Mängel unserer Bewegung, Angst vor Verbot von Forschung und Veröffentlichung, die endlosen "Gemeinschaftsdiskussionen" und die Unklarheit über die Definitionen und Normen des gemeinsamen Entscheidens bewirken, dass jede kleine Gruppe es bevorzugt, mit einer beschränkteren Anzahl von Mitarbeitern und Zielgruppen zu arbeiten. So gibt es sogar gemeinsame Zielgruppen für verschiedene Zeitschriften. Das Weitermachen in solchen kleinen Mechanismen hängt von persönlichen Schicksalen der Aktiven in den kleinen unabhängigen linken Zeitschriften ab. Etwas Alltägliches ist die Herausgabe einer Zeitschrift für nur einige wenige Male. Die Leser passen sich dieser Erfahrung an und sind sehr vorsichtig bei der Annahme dieser Zeitschriften. Das Ergebnis dieser Arbeit ist, dass die wirklichen Leser der Zeitschrift nur aus dem Freundes- und Bekanntenkreis bestehen. Solch eine Aktivität führt zur Entstehung von kleinen Sekten, die nichts Anderes tun als ihre eigenen früheren Meinungen und Aussagen zu wiederholen. Es muss konkret gesagt werden, dass die ganze schöpferische und kritische Arbeit der Aktivisten der unabhängigen und kleinen linken Zeitschriften davon bedroht ist, in der Falle des neuen Sektentums oder des neuen Dogmatismus gefangen zu werden. Andererseits wird durch die Unfähigkeit bei der Beantwortung der Bedürfnisse der Zielgruppen dieser Zeitschriften eine eindimensionale und virtuelle Welt um diese Gruppen herum aufgebaut. Wir als Aktivisten solcher Zeitschriften betrachten sowohl deren Mängel als auch die Hoffnung gebenden und schöpferischen Ergebnisse dieser Zeitschriften und zählen solch einen selbstkritischen Blick als einen Teil unserer Resultate. Wir erkennen ganz konkret die Notwendigkeit von Zeitschriften, die sich mit Theorie und Forschung in verschiedenen Gebieten der Wirtschaft, Politik und Philosophie beschäftigen. Wir erkennen die kritische Einstellung zu den Umständen der traditionellen Linken als Resultat des radikalen und unabhängigen Denkens - Umstände, die negative Ergebnisse wie Vertrauenslosigkeit, Bürokratie und dogmatisches Denken zur Folge hatten. Trotzdem können wir nicht zulassen, dass aus der Rückständigkeit der iranischen Gesellschaft eine Rückständigkeit des linken Denkens folgt. Das nicht fortgeschrittene Denken ist das Ergebnis einer nicht ausgeglichenen und nicht fortgeschrittenen Gesellschaft, die ihren Bürgern keine Möglichkeit zum geistigen Wachstum gegeben hat.
Trotz dieser Tatsache muss man betonen: die Menschen bestimmen ihr Schicksal selbst. Wir sehen die Notwendigkeit des Kampfes gegen die Rückständigkeit der Denkweise der iranischen Linken als einen Teil unserer jetzigen Pflichten. Man darf das geistige Element nicht mechanisch dem materiellen Element unterordnen und sich mit der Rechtfertigung des jetzigen Zustands und Niveaus der theoretischen und Forschungsaktivitäten zufrieden geben. In den kleinbürgerlichen intellektuellen Kreisen ist die Akzeptanz solcher Rechtfertigungen sehr groß - "kleine" Gedanken, die damit beschäftigt sind, kleine Gedanken zu erzeugen. Die Begeisterung und das Gefühl der kollektiven Arbeit ist seit Jahren in solchen Kreisen erniedrigt und unterdrückt worden. Das Gefühl des Konkurrierens der "Geschäfte" macht für das "hoffende Kleinbürgertum" die Hauptmotivation seines wirtschaftlichen Lebens (und hier seines Denkens) aus. Seine schwache Hoffnung, sein schönes "Geschäft", bringt ihn zu einem unbarmherzigen Konkurrieren gegen Seinesgleichen. Ein solches Denksystem betrachtet andere Zeitschriften als Konkurrenten. Die Niederlage der "Anderen" wird zum Erfolg der eigenen intellektuellen, kleinbürgerlichen Arbeit. Die Linke aber erkennt den wertvollen Schatz der Wahrheit und der Revolution inmitten aller zerstreuten und voneinander unabhängigen Aktivitäten und ehrt ihn. Deswegen fordert sie eine geplante Zusammenführung der Fähigkeiten und das Herausfiltern der Mängel.

2 - Theoretischer Rahmen

In einer Fülle angefangen von wirtschaftlichen, politischen und philosophischen Themen bis zu besonderen Forschungen über Unterdrückung, Gefängnis, proletarische Bewegung, Frauen, unterdrückte Bevölkerungsgruppen usw. neben einem reichen Schatz an geistigen, kulturellen und künstlerischen Aktivitäten der Linken ist es nicht einfach, von "Rahmen" zu sprechen.
Der Versuch, jede Ausgabe der Zeitschrift ausgeglichen zu halten, die Vorausplanung von Sonderheften und die Bemühung zur Veröffentlichung der für diese Bewegung notwendigen Werke setzt eine größere Mitarbeit. Mit diesen Voraussetzungen müssen wir konkretisieren: eine gemeinsame Zeitschrift der Linken akzeptiert verschiedene Denkrichtungen nicht nur, sondern begrüßt sie. Das Fruchtbarwerden der neuen geistigen Bewegung kann erst durch gedankliche Vielfalt ihrer Aktivisten erreicht werden. Aus diesem Grund ist die Mindestvoraussetzung bei der Gemeinsamkeit der Aktivisten einer linken Zeitschrift des heutigen Irans unserer Ansicht nach das Akzeptieren einer sozialistischen Zukunft und der Sturz des islamischen Regimes. Jede andere Voraussetzung benötigt lange Diskussionen, die praktisch nie zu einem Ende kommen.


3 - Der Entscheidungsmechanismus

Vielleicht ist das umstrittenste Thema einer linken Zeitschrift die Frage nach Redaktion und Entscheidungsfindung. Dieses Thema bedarf besonderer Beachtung und gemeinschaftlicher Diskussion. Unserer Meinung nach kann für den Anfang folgende Mindestanforderungen vorschlagen:

1. Die Unterzeichneten des Entwurfs übernehmen entsprechend ihren Fähigkeiten passende Aufgaben und haben Stimmrecht.
2. Die Vollversammlung der Aktivisten und Mitarbeiter der Zeitschrift wählt für die Dauer eines Jahres einige Personen, die die Bereitschaft und Fähigkeit zur redaktionellen Arbeit haben.
     a) Im Falle eines Rücktritts oder großer Meinungsverschiedenheiten in der Redaktion kann mit der Entscheidung der außerordentlichen Vollversammlung die Zusammensetzung der Redaktion geändert werden.
     b) Die Vollversammlung wählt einige Mitglieder als Kandidaten für die Redaktion, damit diese als Berater bei den Angelegenheiten der Zeitschrift Stimmrecht haben.
3. Die Redaktion hat zwischen zwei jährlichen Vollversammlungen die Verantwortung für die Erledigung der Aufgaben im von der Vollversammlung bestimmen Rahmen. Unter Berücksichtigung dessen, dass in diesem Abschnitt nur "allgemein" über die gemeinsame Zeitschrift gesprochen wird, sehen wir davon ab, detailliert auf die Entscheidungsfindung und die technischen und finanziellen Aspekte einzugehen. Der erste Schritt wird die Annahme oder Ablehnung des Entwurfes einer gemeinsamen linken Zeitschrift sein.1



Saba Oskuiee, Setarah, Mojdeh Arsi, Syavosh M., Mahmud Khalili, Hossein Abyat, Homayon Iwani, Mina Zarin, Djaber Kalibi

Dialog
Postamt 1 / Postlagernd
04109 Leipzig / Germany

Email: Dialogt@web.de
homepage: www.dialogt.net

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1. Dieser Entwurf, der für eine größere Umfrage in "Prison's Dialogue" erschienen ist, stammt vom Rat der linken politischen Gefangenen und einigen unabhängigen Aktivisten. Die Unterzeichneten interessieren sich für Ihre Pro- oder Kontrameinungen; in diesem Zusammenhang können Sie Ihre Meinung an die Adresse der Zeitschrift schicken.