Warum wir als Frauen in der Walpurgisnacht gegen Neonazis demonstrieren:
Wir stehen hier am Mahnmal für die Jüdinnen und Juden, die während der NS-Zeit ermordet wurden. Dieses Denkmal im Zentrum Hannovers erinnert damit auch an die Menschenfeindlichkeit der Nazis und ihre Verbrechen an Jüdinnen und Juden. Die durchgeführte Verfolgung, Deportation und Ermordung von jüdischen Männern und Frauen, die es in Hannover wie überall in Deutschland und in den von den Deutschen besetzten Gebieten gab, sind singulär in der Geschichte. Nirgends und zu keiner Zeit haben Antisemitismus und Rassismus ein solches Ausmaß und eine solche Systematik erreicht wie im Nationalsozialismus in Deutschland.
Rassistischer Antisemitismus war Kernbestandteil des deutschen Faschismus. Darüber hinaus aber richtete sich die Nazi-Ideologie und -Politik gegen weitere Menschen und Gruppen von Menschen: Verfolgung und Ermordung fanden statt gegen Sinti und Roma aus rassistischen Motiven, sowie gegen sog. „Asoziale“, gegen Behinderte; gegen Lesben und Schwule; gegen politische Oppositionelle und WiderstandskämpferInnen – um nur einige zu nennen.
Deshalb gibt es weitere Denkmale in der Stadt, sowie seit ca. einem Jahr in der Südstadt die Orli-Wald-Allee, die einer kommunistischen Widerstandskämpferin gewidmet ist. Orli Wald überlebte Auschwitz – starb aber an nach dem Krieg den Folgen dieser Lagerhaft.
Unzählige weitere Opfer forderte der völkische Eroberungskrieg, mit dem die Nazis nach dem Überfall auf Polen Europa , vor allem Osteuropa, in Schutt und Asche legten.
Der brutale Vernichtungskrieg, die rassistische Politik, die Ermordung von Sozialistinnen und Kommunistinnen macht deutlich, dass die Selbstbenennung National–‚SOZIALISTEN’ propagandistische Demagogie war und ein Missbrauch dieses Begriffes.
Die Geschlechterideale waren auf die Nazi-Ideologie ausgerichtet:
In Überspitzung und extremer Fortführung bürgerlicher Geschlechterkonzepte (Schiller sagte: Und drinnen waltet die züchtige Hausfrau!) sollten Frauen im völkischen Denken an Heim und Herd verbannt werden, Kinder zur Welt bringen und aufziehen. Doch wurde diese propagandistische Erwartung nur an einen Teil der Frauen gestellt, nämlich den Teil, der den nationalistischen, antisemitischen und rassistischen Ideologie entsprach. So wurden behinderte Frauen und solche, die die Nazis als „Asoziale“ kategorisierten, vielfach zwangssterilisiert und ermordet.
Das männliche Geschlechterideal der Nazis war der Mann als Familienernährer und obendrein des heldenhaften Soldaten. Das bürgerliche Bild der dem Mann dienenden und des männlichen Schutzes bedürftigen Frau erlangte durch die Nazis eine besonders wichtige propagandistische Rolle. So nutzten die Nazis die angebliche Schutzbedürftigkeit von Frauen vielfach bei der Erschaffung einer Vielzahl von Feindbildern und der Militarisierung der Gesellschaft. Die Frau als dem (Ehe-)Mann untergeordnete Dienerin wurde auf die Nazi-Herrschaft übertragen. Frauen sollten ihre Körper den bevölkerungspolitischen und militärischen Zielen der Nazis unterordnen, sprich Kinder für die deutsche Expansion und als zukünftige Soldaten gebären. Dass dies streng heterosexuelle Geschlechterbeziehungen voraussetzt, ist offensichtlich. Wer von dieser als natürlich angesehenen heterosexuellen Vorschrift abwich, wurde von den Nazis brutal verfolgt.
Die Ideologie und Politik der Nazis richtete sich gegen Frauen, weil sie Frauen auf angeblich biologische Wesenszüge festlegten, ihnen fest definierte Rollen und Lebenswege vorschrieb und Frauen hierarchisch dem Mann deutlich untergeordnet wurden.
Allerdings gingen im Nationalsozialismus Ideologie und Realität in weiten Bereichen zunehmend auseinander. Vielleicht konnte der NS-Staat deshalb auch so viele Frauen an sich binden:
- Frauen waren nicht nur Opfer, sie waren auch Täterinnen: als jubelnde Anhängerinnen, als Erzieherinnen einer völkischen Jugend, als ihre Männer unterstützende und antreibende Partnerinnen, als Angestellte in der NS-Verwaltung oder als Aufseherinnen in KZs.
- Im Rahmen der Totalisierung des NS-Staates gab es eigene Mädchen- und Frauengruppen, die zwar vollkommen ideologisch geprägt waren, doch Mädchen und Frauen gleichzeitig die Möglichkeit boten, der Familie zu entfliehen, begrenzt Karriere zu machen und sich offiziell politisch einzubringen. Dieser scheinbare Freiraum zur eigenen Entfaltung wurde von vielen Frauen angenommen, zumal sie für ihr Engagement in Nazi-Organisationen nicht mit Sanktionen rechnen mussten.
Mit der Befreiung durch die Alliierten ist zwar die Diktatur der Nazis beendet worden, doch kann leider nicht die Rede davon sein, dass keine Überbleibsel von Ideologie und Politik der Nazis mehr vorhanden wären. Tatsächlich gibt es immer noch rechte Parteien und Organisationen. Teilweise geben sich die Neo-Nazis einen modernen Anstrich, der jedoch nicht darüber hinwegtäuschen sollte, dass sie für eine ebensolche menschenfeindliche Politik stehen wie der NS.
So gebrochen das propagierte Frauenbild bereits im Nationalsozialismus war, finden sich auch bei den Nazis von heute diverse Frauenbilder. Mal geben sich die Nazifrauen von heute bieder konservativ, mal sehen sie sich selbst als emanzipatorisch. Von der seriös erscheinenden Parteifunktionärin bis zum herumschlägernden Renee-Girl ist alles dabei. Doch darf frau sich nichts vormachen lassen: Nazi-Organisationen sind männerdominiert und die Frauen bei den Nazis stets den menschenverachtenden Zielen ihrer Politik untergeordnet. Auch bleibt die idealisierte Beziehung zwischen den Geschlechtern heterosexuell. Selbstbestimmung von FrauenLesbenTrans ist und bleibt Nazis ein Dorn im Auge.
Denn das, was Neo-Nazis ideologisch betreiben, sind immer noch statische Kategorisierungen – sei es, dass sie biologistische Gründe herbeiziehen oder dass sie argumentieren, dass eine scheinbar ursprüngliche Kultur nicht verändert werden sollte. Solch kulturalistische Argumentationen werden insbesondere von sogenannten Neuen Rechten, die eine Scharnierfunktion zwischen Konservativen und offenen Nazis übernehmen, hervorgebracht, um ihre rassistische und antisemitische Politik zu rechtfertigen. Rassismus, Antisemitismus und Nationalismus, die häufiger als Patriotismus verharmlost wird, sind nach wie vor wesentliche Bestandteile von Nazi-Politik und -Ideologie, die sich immer wieder in Schikanierungen, Bedrohungen und brutalster Gewalt gegen Mitmenschen jüdischen oder moslemischen Glaubens und gegen alle entlädt, die ihnen nicht deutsch genug erscheinen.
Die Menschenfeindlichkeit der Nazi-Ideologie zeigt sich auch darin, dass sie immer einen nationalistischen kapitalistischen Nutzen als Wertmaßstab für Menschenleben anlegen. Das heißt im Klartext: Alle, die diesem Nutzen nicht entsprechen, wie z.B. Behinderte oder Obdachlose, sind aus Sicht der Nazis zur Ermordung frei gegeben. Doch nicht allein diese krasse Konsequenz und das Kriterium der (scheinbaren) Nützlichkeit sind falsch, sondern Wertmaßstäbe von Menschenleben an sich!
Und erschreckenderweise braucht es nicht einmal einen Blick an den rechten Rand, um auf Fragmente der Ideologie aus dem NS zu stoßen. Auch in der Mitte der Gesellschaft werden Menschen nach einem vermeintlichen Nutzen beurteilt, geht es vielfach um „human resources“, gibt es Stimmen für Euthanasie und ist immer wieder die Rede von vermeintlichen sog. „Sozialschmarotzern“ -im übrigen eine direkte Anlehnung an einen Nazi-Begriff.- Entgegen aller Beteuerungen, man habe ja die Nazi-Vergangenheit hierzulande aufgearbeitet, sind durchaus antisemitische Äußerungen in der Mitte der Gesellschaft anzutreffen. Es scheint auch nicht weiter zu stören, dass (als Patriotismus verklausulierter) Nationalismus wieder auflebt. Dem Drang einiger, endlich ihren Nationalstolz zeigen zu können, dürfte die Fußball-WM 2006 mit den Deutschlandfahnen an jedem Pisspott besonders gut gefallen haben, genauso wie die Kampagne „Du bist Deutschland“, die eine nationale Identität heraufbeschwören sollte. Der Staat und PolitikerInnen tun das Ihrige dazu: es sind „deutsche Interessen“, die den weltweiten Einsatz der Bundeswehr legitimieren sollen. - Auch Rassismus ist in dieser unserer Gesellschaft gang und gäbe: sei es als diskriminierende Äußerung, sei es als Benachteiligung bei der Arbeitsplatz- oder Wohnungssuche. Beispiele gibt es unzählige dafür, dass Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Namens oder ihres Geburtslandes pauschal beurteilt werden. Die Erhebung biometrischer Daten von Flüchtlingen, die Internierung in gefängnisähnlichen Flüchtlingslagern und in Abschiebeknäste seitens des Staates tun das ihrige, Rassismus zu schüren, indem der Staat Menschen aufgrund ihrer Herkunft kriminalisiert. Rassistisch ist es auch, wenn PolitikerInnen und Medien Afghanistan oder Iran als barbarisch bezeichnen oder allen muslimischen Männern Sexismus, allen muslimischen Frauen sexistische Unterdrückung zu attestieren. Als ob es hierzulande keine Menschenrechtsverletzungen, keine patriarchale Unterdrückung gäbe und keine christlich sozialisierten sexistischen Männer!
Rassismus, Antisemitismus und Nationalismus sind also keineswegs verschwunden! Die Konsequenz aus der Geschichte der Nazi-Zeit ziehen, heißt die Verantwortung zu übernehmen, gegen Nazi-Ideologie einzutreten und aktiv zu werden, wo immer diese auftaucht! Nie wieder Faschismus! Grenzen auf für alle! Feministinnen sind international!