Profitiert Nicolas Sarkozy von der aktuellen Krise? Und vollzieht
er einen Abschied vom Wirtschaftsliberalismus - oder doch nicht?
Bernard Schmid
Die finanz- und Wirtschaftskrise kommt in Frankreich derzeit nicht
der sozialdemokratischen und linksreformistischen Parlamentsopposition
zugute, sondern das konservative Regierungslager schlägt sich scheinbar
besser. Ein Teil der französischen Gesellschaft - minoritär zwar,
aber es ist im Augenblick kein starker oder ebenbürtiger Gegenpol
vorhanden - scheint sich unter die Fittiche das "starken Mannes"
zu flüchten. Unterdessen reagiert der rechte Flügel der französischen
(institutionalisierten) Gewerkschaftslandschaft positiv auf den
regierungsamtlichen Aufruf zur "nationalen Einheit". Und
in Deutschland begrü en Oskar Lafontaine und Jürgen Elsässer den
nunmehrigen Kapitalismuskritiker (?) Nicolas Sarkozy schon mal als
vermeintlichen wirtschaftspolitischen Konvertiten in ihren Reihen...
"Die Krise stärkt die Exekutive" schlagzeilte das Journal
du dimanche (JDD), eine französische Sonntagszeitung, Ende vergangener
Woche. Man hätte auch andere Entwicklungen erwarten können, angesichts
der tiefen Finanz-, Wirtschafts- und auch Kaufkraftkrise, die Frankreich
nicht erst seit gestern erfasst hat. Beispielsweise hätte sich mit
wachsenden sozialen Protesten rechnen lassen. Aber so kam es bislang
nicht: Die Mehrheit der Französinnen und Franzosen reagiert zumindest
im Augenblick eher resigniert bis apathisch auf ihre soziale Situation,
etwa auf das schwindende Realeinkommen der Haushalte und den begonnenen
Anstieg der Arbeitslosigkeit. Und ein Teil von ihnen flüchtet sich
allem Anschein nach unter die Fittiche des "starken Mannes"
Nicolas Sarkozy, dessen Krisen-, Rettungs- und Katastropheneindämmungspläne
zumindest momentan in den Augen so mancher Franzosen eher gut ankommen.
Dies behauptet jedenfalls die oben zitierte Sonntagszeitung, die
soeben eine Umfrage veröffentlichte, der zufolge zur Zeit 43 Prozent
der Befragten Sarkozys Kurs in der Krise unterstützen, was einem
Zuwachs seiner Umfragewerte um plus sechs Prozent innerhalb eines
Monats entspreche. Das JDD titelt deswegen auch: "Starke Hausse
für Sarkozys Werte", als ginge es um einen Aktienkurs. Seiner
Einschätzung widerspricht allerdings tendenziell die "arbeitgebernahe"
Wirtschaftszeitung Les Echos, die am Tag darauf schrieb, "trotz
Krise" blieben die Umfragewerte für Sarkozy insgesamt niedrig,
und sie lägen für einen amtierenden Präsidenten der Fünften Republik
außerordentlich tief. (Allerdings befindet sich Sarkozys Premierminister
François Fillon derzeit bei 53 % positiver Sympathiewerte, was einem
relativ konstanten Wert für ihn in den letzten Monaten entspricht.
Fillon, der lange Zeit im Schatten seines übermächtigen Vorgesetzten
und Präsidenten stand, hat von dieser Rolle auf Dauer eher profitieren
können.)
Tatsächlich hatte die Kurve der Sympathiewerte für Sarkozy seit
Herbst letzten Jahres, wenige Monate nach seiner Wahl zum Präsidenten
- bei der er wohl zu viel versprochen hatte -, zunächst steil nach
unten gezeigt und war dann in der Tiefebene verblieben. Im Sommer
dieses Jahres erholten sie sich erstmals leicht, da Sarkozys schnell
beschlossene Reise nach Afghanistan, nachdem dort zehn französische
Soldaten getötet worden waren, ihm wieder eine "internationale
Statur als Staatsmann" verschaffte. Und die Franzosen so vergessen
ließ, dass sie ihn kurz zuvor noch in großer Mehrheit für einen
rücksichtslosen Profiteur hielten, der, nachdem die Wahl einmal
gewonnen war, mit seinem Fimmel für Rolex-Uhren und seinem Privatvermögen
prahlte.
Rezession(sdrohung) & Rettungspaket für Banken
Unterdessen ist es seit Anfang Oktober dieses Jahres nun regierungsamtlich,
dass das Land in diesem Trimester in die Rezession eintritt, also
im zweiten Vierteljahr hintereinander eine negative Wirtschaftswachstumsrate
zu erwarten hat. Auch wenn Haushaltsminister Eric Woerth vom rechtskonservativen
Flügel der Regierungspartei UMP bisher nur eine "technische
Rezession" erblicken mag, ohne allerdings erklären zu können,
was dann eine nicht-technische Rezession in seinen Augen wäre. Unterdessen
enthüllte das Umfrageinstitut TNS-Sofres am Dienstag Nachmittag,
dass in den Augen der "einfachen" Franzosen ihre "Leidensphase"
vor gut einem Jahr begonnen habe, da damals die Mietpreise - die
in Paris auf einem irrwitzigen Niveau bleiben - ihren Höchststand
erreichten und zugleich die Treibstoff- und Transportpreise zu klettern
begannen.
Wie andere Regierungen der wichtigsten EU-Länder auch, legte auch
Frankreich unter Sarkozy jüngst einen "Rettungsplan" für
die von der Finanzkrise "bedrohten" Banken auf. Dieser
umfasst 360 Milliarden Euro, davon 40 Milliarden staatlicher Zuschüsse
zur Aufstockung ihres Eigenkapitals und Staatsbürgschaften in Höhe
von 320 Milliarden für Kreditgeschäfte zwischen den Bankinstituten.
Die Ankündigung kam zur denkbar schlechten Zeit, denn am selben
Tag, an dem das Kabinett von Sarkozys Premierminister François Fillon
den Notfallplan für die angeschlagene Finanzwirtschaft verkündete,
vernahmen Untersuchungsrichter in Paris neun Stunden lang den früheren
Trader der Société Générale - der drittgrößten französischen Geschäftsbank
-, Jérôme Kerviel. Er wird beschuldigt, im Januar durch Spekulationsgeschäfte
fünf Milliarden Euro verjuxt zu haben. Und dies mit Wissen der Bankführung,
die dies lange Zeit zu vertuschen suchte - hätte Kerviel Erfolg
gehabt, hätte seine Bank die Gewinne freilich ohne Skrupel eingestrichen,
während man nun versuchte, ihn als "eigenmächtig handelnden
Zocker" darzustellen. Am vergangenen Wochenende wurde zudem
bekannt, dass auch bei dem französischen Sparkasseninstitut Caisse
d'épargne 600 Millionen Euro durch Spekulation innerhalb von wenigen
Stunden in die Luft verpulvert worden sind. Drei Führungsmitglieder
der Caisse d'épargne traten deswegen am Montag zurück, was durch
die französische Politik offiziell rasch "begrüßt" wurde.
Eigentlich war ihr Ruf beim Publikum also ruiniert. Ihm kam es
so vor, als gebe man - durch die staatlichen Zuschüsse für die "Not
leidenden Banken" - den Zockern, die sich soeben ruiniert hatten,
auf Kosten des Steuerzahlers das Geld, das ihnen erlaubt, im Casino
weiterzuspielen. Und dennoch verbreitete sich die Angst, dass eine
Pleite der Banken - aufgrund ausbleibender Kredite für die Produktion
-- zu schnell um sich greifenden Folgen für die "Realökonomie"
führen könnte. Sarkozys Maßnahmen wurden deshalb von Vielen als
"kleineres Übel" empfunden. Dabei sieht sein Plan, ähnlich
wie jener der britischen oder US-amerikanischen Regierung, keinerlei
zusätzliche politische Kontrolle über das künftige Gebaren der Finanzinstitute
vor: Das Eingreifen des Staates soll nicht etwa dazu führen, dass
das Kreditwesen verstaatlicht und beispielsweise nach ökonomischen
und sozialen Bedürfnissen gesteuert wird - es soll ausschließlich
dazu dienen, die angeschlagenen Banken wieder flott zu machen.
Ähnlich ist übrigens auch sein Eintreten für eine Teilverstaatlichung
von durch die Finanzkrise gebeutelten Unternehmen motiviert: Am
Dienstag verkündete Sarkozy vor dem Europäischen Parlament, in "Schlüsselindustrien"
solle der Staat in das Kapital solcher Firmen eintreten können.
Dabei geht es allerdings nicht um gesellschaftliche Kontrolle und
erst recht nicht darum, die Profitmaximierung künftig beispielsweise
sozialen oder ökologischen Zielen unterzuordnen. Vielmehr erklärte
Nicolas Sarkozy ausdrücklich, in seinen Augen drehe es sich darum,
zu verhindern, dass sich stattdessen "Drittländer" von
außerhalb der EU in solche Firmen einkauften. (Vgl. http://www.taz.de/1/zukunft/wirtschaft/artikel/1/sarkozy-will-firmen-teilverstaatlichen/)
Staatseinstieg zur Rettung des nationalen Kapitals ist nicht gleichbedeutend
mit sozialer/demokratischer/ökologischer Kontrolle
Diese, gemessen an bestimmten neoliberalen Praktiken der vergangenen
Jahre, relativ (staats)interventionistisch wirkende Politik hat
auch manche Protagonisten der Linken zu dem - interessierten?- Missverständnis
geführt, Sarkozy sei nunmehr fast einer der Ihren. So liest es sich
beispielsweise aus der Feder von Jürgen Elsässer im ‚Neuen Deutschland'
(vgl. im Originalton: "Sarkozy zeigt wo's lang geht",
siehe unter http://www.neues-deutschland.de/artikel/137612.sarkozy-zeigt-wo-s-lang-geht.html).
Und so ähnlich hört es sich auch bei Oskar Lafontaine an, lauscht
man seinen jüngsten Tönen (vgl. http://www.taz.de/1/zukunft/wirtschaft/artikel/1/sarkozy-will-firmen-teilverstaatlichen/).
Dabei geht es bei Nicolas Sarkozys Kurs im Kern keinesfalls um
"soziale und demokratische Kontrolle" über wirtschaftliche
Vorgänge, die für Linke -- unterhalb der Revolutionsschwelle --
allemal eine Minimalstforderung darstellen müsste. (Auch wenn der
jetzt von ihm verkündete 400 Millionen-Zuschuss für die Entwicklung
des Elektroautos, das, wie Elsässer darstellt, abgasfrei oder -arm
sein soll, vielleicht im Sinne ökologischer Ziele zu begrü en sein
könnte. "Vielleicht", denn so "sauber" wie dargestellt
ist das Elektroauto - trotz Abgasarmut - nicht notgedrungen: Es
kommt völlig darauf an, woher der Strom kommt, mit dem es aufgeladen
wird! Und wenn es sich dabei künftig beispielsweise um massenhaft
dafür benutzten und deswegen zusätzlich erzeugten Atomstrom handelt,
dann gute Nacht...)
Sondern es geht im darum, in Zeiten krisenhaften Stockens der "Wirtschaftsmaschinerie"
dennoch dem Kapital, auf dem Boden des "nationalen Wettbewerbsstaats"
(um mit Joachim Hirschs Begriff zu operieren), weiterhin optimale
oder jedenfalls stabile Verwertungsbedingungen zu garantieren. Dies
wiederum ist gar nicht so neu bei ihm: Bereits im Jahr 2004, als
es darum ging, den Schwerindustriekonzern Alstom unter nationaler
Kontrolle zu behalten, befürwortete der damalige Wirtschafts- und
Finanzminister Sarkozy einen (zeitlich begrenzten) massiven Staatseinstieg
bei Alstom. (Vgl. http://www.labournet.de/branchen/medien-it/siemens/bernard.html)
Präsident Sarkozy ist also nicht seit der jüngsten Zuspitzung der
Finanzkrise und quasi über Nacht "zum richtigen Keynesianer
mutiert", wie Jürgen Elässer in diesen Tagen schreibt (s.o.
zitierte Quelle).
Die Tageszeitung ‚Direct Matin' zitiert am heutigen Mittwoch Vormittag
ein (ungenanntes) Mitglied von Nicolas Sarkozys engerer Umgebung.
Ihm zufolge hat der Staat "in Perioden von Kriegen, grö eren
terroristischen Anschlägen oder bei Wirtschaftskrisen" Eingriffe
vorzunehmen, um eine Gefährung des (halbwegs reibungslosen) Funktionierens
dieses Wirtschaftssytems zu verhindern oder zu überwinden. Der an
diesem Ort zitierte Sarkozy-Berater gibt an, kurz nach dem 11. September
2001 habe etwa keine Versicherungsgesellschaft mehr Fluggesellschaften
versichern wollen, und daraufhin habe eben der Staat einspringen
müssen, um krisenhafte Aussetzer der Wirtschaftskonjunktur zu verhindern.
Allerdings will Sarkozy daneben schon auch bestimmte (begrenzte)
Staatseingriffe vornehmen. So möchte er die Banken, denen jetzt
ganz massiv durch die Ausschüttung von Milliarden Euro unter die
Arme gegriffen wird, dazu verpflichten, in Zukunft in leicht verstärktem
Ausma (4 % statt 3 % ihres Auftragsvolumens laut ‚Direct Matin')
Kleinfirmen und mittelständischen Betrieben sowie Privathaushalten
Kredite zu erteilen. Vor allem aber möchte Sarkozy bestimmten, potenziell
für die Banken oder Firmen selbst bedrohlichen Praktiken des eigenen
Managements einen Riegel vorschieben, insbesondere den so genannten
"Golden parachuts" oder Goldenen Fallschirme (französisch:
parachutes dorés), also den äußerst großzügigen Abfindungs- und
Rentenregelungen für ausscheidende Direktoren und Manager, die sichtbar
versagt haben. Daran, diesen "Lohn für Looser, die ihr Unternehmen
gegen die Wand gefahren haben" nun mindestens strengeren Regeln
zu unterwerfen, wenn nicht gar diese Praxis zu unterbinden, hat
nunmehr allerdings plötzlich auch der französische Kapitalverband
MEDEF ein dringliches Interesse. Inzwischen macht sich der Arbeitgeberverband
MEDEF selbst dafür stark, durch interne Bestimmungen solche "Golden
parachuts" zu verbieten. Allein schon, um der drohenden Debatte
über ein Gesetz, das diesen Gegenstand regeln könnte, schnell ein
Ende zu bereiten.
Abkehr vom Neoliberalismus - oder doch nicht?
In seiner Aufsehen erregenden Rede von Toulon, die er am 25. September
- während die Finanzkrise auf ihren bisherigen Höhepunkt zusteuerte
- hielt, kündigte Nicolas Sarkozy lautstark an, "die Ära des
wirtschaftlichen Laissez-faire" sei nun vorüber. Das klang
wie eine Absage an den Neoliberalismus. Auch wenn Sarkozy in derselben
Rede in Toulon gleichzeitig beinhart darauf beharrte, die wirtschafts-
und sozialpolitischen "Reformen" müssten unbedingt vorangetrieben
werden und würden weiterhin benötigt, um Frankreich vorwärts zu
bringen. Vgl. dazu
http://actu.orange.fr/Article/mmd--francais--journal_internet--une/Sarkozy-veut-proteger-les-Francais-de-la-crise-et-continuer-les-reformes.html.
(Im selben Atemzug verkündete Sarkozy in Toulon die Streichung von
über 30.000 Stellen in den öffentlichen Diensten für das kommende
Jahr. Allerdings scheint nach allerneusten Berichten nun doch der
neoliberale "Reform"eifer auch im Sarkozy-Lager ein bisschen
gedämpft worden zu sein. So verkündete die dem persönlichen Milliardärsfreund
Nicolas Sarkozys, Vincent Bolloré, teilweise gehörende Gratiszeitung
‚Direct Matin' an diesem Mittwoch Vormittag - 22. Oktober -, die
wirtschaftspolitische Agenda der Regierung werde unter dem Eindruck
der Krise umgekrempelt. Und das Blatt titelt: "Die Reformen
im Schraubstock der Krise". So sei die programmierte Privatisierung
der Postbank nun auf unbestimmte Zeit hin verschoben worden, die
pro-neoliberale Zeitung spricht sogar vom "Sankt Nimmerleinstag".
Unterdessen würden andere Bestandteile des "Reformkurses"
beibehalten, so die für 2009 geplante Ausdehnung der legalen Sonntagsarbeit.)
Der ultra-wirtschaftsliberale Journalist bei Le Monde, Arnaud Leparmentier,
warf Nicolas Sarkozy deswegen in der Dienstagsausgabe sogar "antikapitalistische
Schmäh-/Hetz-reden" (diatribes anticapitalistes) vor - die
in den USA nicht gut ankämen, wie er dem französischen Präsidenten
vorhielt. Allerdings hatte Sarkozy in Wirklichkeit auch behauptet,
dass Jene, die die jetzige Krise durch ihr Finanzjonglieren verschuldet
hätten, "alle Werte des Kapitalismus verraten" hätten
- als gehe es in diesem Wirtschaftssystem um andere "Werte"
als jene, die an der Börse gehandelt werden. Le Monde antwortete
darauf übrigens vor circa 14 Tagen in der Einleitung zu einem doppelseitigen
Dossier über Wirtschaftskrisen der Vergangenheit und Gegenwart,
Sarkozy hege Illusionen, falls er glaube, dass es einen Kapitalismus
ohne (zyklisch auftretende) Krisen geben könne.
Die Schwäche der Schnarch"opposition", ist die Stärke
des Sarkozy-Lagers
Die UMP hat nun seit einer Woche das Schlagwort ausgegeben, dass
es um eine "Neugründung des Kapitalismus" (refondation
du capitalisme) gehen müsse, wofür Sarkozys Regierungspartei eifrig
Kampagne zu machen anfing. Dass es sich bei dieser - angeblich auf
hehren Idealen, ohne Abzockermentalität und bisher gängige "Verfehlungen",
aufbauenden - "Neubegründung" des Wirtschaftssystems um
eine reale Alternative zum Bestehenden gehe, wirkt zwar nicht wirklich
glaubwürdig. Dennoch beherrscht Sarkozy mit diesem Vorstoß im Augenblick
die innerfranzösische Debatte um die Krise und ihre Folgen. Dies
liegt freilich vor allem auch daran, dass man sich bei der größten
Oppositionspartei, der französischen Sozialdemokratie, geradezu
- pardon - in die Hose zu machen scheint, wenn es gilt, das böse
Wort "Kapitalismus" auch nur in den Mund zu nehmen. "Wenn
hier jemand aus der Marktwirtschaft austreten möchte, dann soll
er uns" - bitte schön, gefälligst - "sagen, wohin er stattdessen
gehen möchte", tönte der sozialistische Ex-Minister Michel
Sapin (immerhin Wirtschaftssprecher der Partei) kürzlich, an seine
ParteifreundInnen gerichtet. (Vgl. http://afp.google.com/article/ALeqM5iTP2mjfcu6jMTyyX-U-v5_TGzh1Q)
Die "sozialistische" Bettschei eropposition hält nun
in Kürze, Mitte November 2008, einen Parteitag in Reims ab, der
über die künftige Besetzung des Vorsitzendenpostens entscheiden
soll. Alle programmatischen Beiträge zu dem, durch die Presse mit
Spannung erwarteten, Ereignis wurden aber vor der jüngsten Zuspitzung
der Krise verfasst. Mit der Begründung, dass aus dieser Ursache
heraus "alle Vorlagen (für einen Programmbeschluss) neben der
Spur" seien, forderte jüngst der sozialdemokratische Nachwuchspolitiker
Malek Boutih eine Verschiebung des Kongresses. Er kam damit jedoch
nicht durch. Eine der aussichtsreichsten Anwärterinnen auf den Parteivorsitz,
Ex-Arbeitsministerin Martine Aubry, entgegnete ihm zum Beispiel:
"Gerade jetzt benötigen uns die Französinnen und Franzosen
so dringend wie noch nie." Pech nur, dass die Angesprochenen
davon nicht geschlossen überzeugt zu sein scheinen, oder nicht über
ihr so dringliches Bedürfnis auf dem Laufenden sind.
Kasten:
Gewerkschaftliche Opposition in Krisenzeiten: Im Moment eher schlapp...
Auch in der gewerkschaftlichen Landschaft sieht es teilweise eher
mau aus in Sachen "Opposition". So warnt zwar die CGT
tagein tagaus davor, dass letztlich die abhängig Beschäftigten die
Zeche zu zahlen haben könnten. Allerdings hat sie auch keine bahnbrechende
Gegenstrategie anzubieten. Hingegen setzt die rechtssozialdemokratisch
geführte CFDT, der zweitstärkste Gewerkschaftsdachverband in Frankreich,
gleich darauf, auf den Aufruf von Premierminister François Fillon
zur "nationalen Einheit" im Schatten der Krise positiv
zu antworten: Siehe http://www.labournet.de/internationales/fr/decentstreik.html
... (Vgl. auch über den Aufruf des Premiers Fillon zur "nationalen
Einheit" und den Erwägungen zu einer von breiteren bürgerlichen
Kräften getragenen "Krisenregierung": http://abonnes.lemonde.fr/la-crise-financiere/article/2008/10/13/c
ontre-la-crise-fillon-en-appelle-a-nouveau-a-l-unite-nationale_1106457_1101
386.html#ens_id=1089411 )
Zwar gibt es auch oppositionellen Stimmen, etwa seitens der linksalternativen
SUD-Basisgewerkschaften, die in der Union syndicale Soldaires zusammengeschlossen
sind und in einem Vier-Seiten-Papier Gedanken über mögliche Alternativen
anstellen (dazu demnächst Ausführliches). Auch der letztjährige
Präsidentschaftskandidat der radikalen Linken, der junge SUD-Gewerkschafter
Olivier Besancenot, konnte sich Anfang Oktober in einem längeren
Interview mit der Pariser Abendzeitung ‚Le Monde' dafür aussprechen,
die Krise als Chance zu nutzen, um über Alternativen jenseits des
kapitalistischen Horizonts nachzudenken. (Auch dazu demnächst Ausführlicheres.)
Aber bislang konnte diese Kräfte nicht hinreichend als Kristallisationskerne
für einen breiteren, kollektiven sozialen Widerstand funktionieren.
(Vgl. zur Lage an der "sozialen Widerstandsfront" näher
auch http://www.labournet.de/internationales/fr/decentstreik2.html)
(ENDE KASTEN, Fortsetzung des Hauptartikels)
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Unter dem Schutzmantel des starken "nationalen Staates"
bei der Abwehr gegen "das Elend der Welt"
Auch auf einem anderen Feld punktet Nicolas Sarkozy zumindest in
Teilen der öffentlichen Meinung, dieses Mal vor allem auf ihrem
autoritär und rassistisch gestimmten Flügel. Beim Thema Einwanderungspolitik
preschte die französische EU-Ratspräsidentschaft durch mehrere Initiativen
vor, die nun am vergangenen Donnerstag bei einem EU-Gipfel in Brüssel
durch die Annahme eines "Europäischen Pakts zu Einwanderung
und Asyl" gekrönt wurden. Ihn hatte Sarkozys amtierender Minister
"für Zuwanderung und nationale Identität", Brice Hortefeux,
vorgeschlagen.
Darin geht es unter anderem darin, dass künftig nur noch "selektive
Legalisierungen" so genannter "illegaler Einwanderer"
möglich sein sollen, bei denen es darum gehen wird, die gefragtesten
Arbeitskräfte - etwa jene, die seltene oder besonders nachgefragte
Qualifikationen mitbringen - aus ihrem "illegalen" und
damit weitgehend rechtlosen Status herauszuholen. In den letzten
Jahren hatten unter anderem Italien und Spanien relativ massive
"Legalisierungsoperationen" durchgeführt, bei denen etwa
im spanischen Falle vor drei Jahren bis zu 700.000 "papierlos"
im Lande lebende Menschen Aufenthaltstitel erhielten. Dies ermöglichte
es dem spanischen Staat, massenhaft "Schwarzarbeit" in
legale, sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse umzuwandeln
und dadurch die bis dahin in prekärer Situation befindlichen Sozialversicherungskassen
aufzufüllen. Im offiziellen Madrid war man also über die Ergebnisse
gar nicht so unglücklich, während man in Paris und auch Berlin aufschrie:
Dort fürchtete man, künftig mit zusätzlichen "unerwünschten"
Einwanderern, die über Spanien oder Italien einreisten, zu tun zu
haben.
Die französische Regierung setzte sich dafür ein, dass nur noch
"selektive", also betont eng am ökonomischen Interesse
des Arbeitgeberlagers angelehnte, Einzelfall-"Legalisierungen"
erlaubt sein sollen. Damit konnte sie sich nun auf EU-Ebene im Prinzip
auch durchsetzen, auch wenn der Kompromiss zu dieser Frage im neuen
"Pakt" schwammig formuliert bleibt. Zumal Spanien, auf
dessen Staatsgebiet sich die wirtschaftliche Konjunktur in den letzten
Monaten rapide abgekühlt hat, seinen bisherigen, scheinbar "ausländerfreundlichen"
Widerstand gegen das französische und deutsche Ansinnen großenteils
aufgegeben hat.
Der neue, durch Brice Hortefeux und - hinter ihm stehend - Nicolas
Sarkozy angeregte, "Europäische Pakt zu Einwanderung und Asyl"
sieht gleichzeitig eine Verschärfung bei der Ausschaffung "unerwünschter"
Migranten vor. So werden gemeinsame Ausschaffungsflüge mehrerer
europäischer Länder ins Auge gefasst. Im Hintergrund der absehbaren
Verschärfungen steht auch die am 18. Juni dieses Jahres durch das
Europaparlament verabschiedete "Rückkehr-Richtlinie",
die es den Mitgliedsländern erlaubt, untereinander die zulässige
Höchstdauer der Abschiebehaft anzugleichen. Sie betrug bislang in
Frankreich maximal 32 Tage, in Deutschland (und Litauen) hingegen
bis zu 18 Monate. Zwar besteht auch nach Verabschiedung der neuen
Richtlinie, die zur "Harmonisierung" der Praktiken innerhalb
der EU beitragen soll, kein Zwang für die Staaten, ihre Gesetze
im Sinne einer Verlängerung der Abschiebehaft zu ändern. Allerdings
sind einige Regierung von selbst in hohem Maße dazu motiviert: In
Italien etwa wurde, nach Antritt der Berlusconi-Regierung im April,
die zulässige Dauer der Abschiebehaft in einem Schlag von einem
Monat auf 18 Monate ausgedehnt.
Durch sein Eintreten für ein gemeinsames europäischen Handeln,
das eine höchst selektive Auswahl der erwünschten und benötigten
migrantischen Arbeitskräfte mit einer rigiden Ausweisungs- und Ausschaffungspraxis
gegen die "Unerwünschten" oder "Überflüssigen"
verbinden möchte, macht Sarkozy sich beim autoritärsten Teil seiner
Wählerschaft beliebt. Auch damit tritt er als Beschützer des "nationalen
Interesses" in Erscheinung, der - in den Augen dieser Anhänger
und Wähler - in Zeiten stürmischer Krisenwellen und bedrohlich wirkender
"Globalisierung" des Kapitals den schützenden Schirm über
seine Landsleute zu Hause hält. Auch auf die Gefahr hin, dass der
"Schutzschirm" in Wirklichkeit nur Schwächere abwehrt,
etwa die Hungerleider, die da als "papierlose" Einwanderer
kommen, ohne die Wucht der kapitalistischen Krise auffangen zu können.
Vorläufiges Fazit
Im Augenblick kann Sarkozy aufgrund seines Kurses auf zwei Seiten
jenseits des "harten Kerns" seines eigenen politischen
Lagers - also der zugleich wirtschaftsliberalen und auf eine autoritäre
"Sicherheitspolitik" setzenden Rechten - Punkten. Einerseits
kann er dank seiner Sprüche über eine notwendige "Neubegründung
des Kapitalismus", bei gleichzeitiger Beendigung der Abzockermentalität,
in die rechte Mitte und bis in die "linke Mitte" hinein
punkten. Also in politischen Milieus, die vage auf einen "sozialen
Ausgleich" bedacht und entfernt (post-) sozialdemokratisch
angehaucht sind.
Auf der anderen Seite kann Sarkozy aber auch Zustimmung bis weit
nach rechts hin finden, also bei eher autoritär ausgerichteten Wählern.
Und zwar, indem er ohne Infragestellung des kapitalistischen Rahmens
gleichzeitig doch die Rückkehr eines mit starkem Arm agierenden
Staates in Aussicht stellt. Und indem er keineswegs das Wirtschaftssystem,
wohl aber individuell "gefehlt" habende Abzocker und ihre
"moralischen Verfehlungen" verbal anprangert. Nimmt man
das gleichzeitige "Schutz"versprechen durch die Bemühungen
um nationale respektive (eher) europäische Abschottung gegen "Unerwünschte"
und "Überflüssige" hinzu, kann man seinen Erfolg beim
autoritär-rassistischen Teil des Publikums nachvollziehen. Dennoch
wird die extreme Rechte dies nicht auf sich beruhen lassen, sondern
versuchen, den diffus vorhandenen sozialen Unmut (der sich im Augenblick
noch kaum an kollektivem, solidarischem Widerstand kristallisieren
kann) mit Hilfe und im Sinne der von ihr kultivierten Ressentiments
zuzuspitzen.