Frankreich, die EU und die Finanzkrise:
Bernard Scmid
Auch in Paris werden Krisenpläne zur Unterstützung der Banken aufgelegt
- während der grö te Bankenskandal des Jahrzehnts für Schlagzeilen
sorgt. Das konservative Kabinett faselt zur selben Zeit von der
Notwendigkeit "nationaler Einheiten" und erwägt, im Geiste
eines nationalen Notstands, die Bildung einer "Krisenregierung".
Unterdessen erschüttern heftige Konflikte zwischen Paris und Berlin
die Europäische Union: Das "tolle" EU-Projekt der europäischen
Bourgeoisen ist einer heftigen Belastungsprobe ausgesetzt. Trotz
scheinbaren gemeinsamen Handelns, in Form simultan anlaufender Krisenpläne
(deren Umsetzung jedoch strikt im nationalen Rahmen bleibt!), kann
man - in der Krise - die Rückkehr nationalstaatlicher Egoismen auf
höchster Ebene beobachten. Sofern sie je verschwunden waren. Hinter
den Kulissen ist es jedenfalls mit der "trauten Einheit"
nicht so weit her. Unter anderem dank des entschlossenen Widerstands
der Berliner Regierung gegen jegliche Ausgaben für "fremde
Interessen"...
AUSFÜHRLICHE und aktualisierte Fassung eines Artikels, von dem eine
kürzere Fassung bei www.Labournet.de sowie ein Auszug (den aktuell
laufenden Ermittlungen in der Kerviel-Affäre gewidmet) in der Online-Zeitung
‚telepolis' erschien
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Ein Satz spukt im Kopf der Abgeordneten der französischen konservativen
Regierungspartei UMP herum. So berichtet es die Pariser Abendzeitung
‚Le Monde' in ihrer Donnerstagsausgabe, die ihn als ‚la hantise'
(ungefähr: den Spuk, den sie nicht loswerden) der betreffenden Parlamentarier
bezeichnet. Er lautet: "Für die Banken, da habt Ihr 360 Milliarden
locker machen können!" Die gro e Befürchtung lautet nun, dass
dieser Satz immer wieder laut werden könnte, wenn in näherer Zukunft
irgendwo gesellschaftliche Bedürfnisse angemeldet werden.
Noch vor Jahresfrist hatte Premierminister François Fillon lauthals
getönt: "Die Kassen sind leer", und Staatspräsident Nicolas
Sarkozy hatte in seiner Neujahrs-Ansprache vor der Presse drohend
nachgefragt: "Was wollen Sie (von mir), dass ich Kassen stürze,
die schon leer sind?" Dies droht nun leicht unglaubwürdig zu
werden, nachdem binnen weniger Tage ein Rettungspaket für das angeschlagene
französische Bankensystem in Gesamthöhe von 360 Milliarden Euro
(Näheres dazu s. unten) geschnürt werden konnte. Eine Karikatur
in einer Wochenzeitschrift brachte es am vorvergangenen Mittwoch
oder Donnerstag auf den Punkt. Sagt der Politiker zum Publikum:
"Eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute zuerst: Die
Kassen waren (doch) nicht leer. Und nun die schlechte: Jetzt sind
es (wirklich)!"
Ungutes Symbol zum "richtigen" Zeitpunkt:
Der Bankenskandal des Jahrzehnts bricht wieder auf
Das Symbol kam genau zur rechten Zeit. Oder genau zur falschen.
Je nach Sichtweise. Am vergangenen Montag (13. Oktober) fand, den
ganzen Tag über, vor den Pariser Untersuchungsrichtern Renaud Van
Ruymbeke und Françoise Desset die Anhörung gewichtiger Zeugen im
prominentesten französischen Finanzskandal der letzten Jahrzehnte
statt. Es handelt sich um die so genannte "Kerviel-Affäre",
die im Januar dieses Jahres aufflog und der französischen Geschäftsbank
Société Générale binnen kürzester Zeit einen Verlust in Höhe von
4,9 Milliarden Euro eintrug. Der Skandal ist zum Symbol für die,
sozusagen, Va-banque-Politik führender französischer Finanzinstitute
geworden. Er wirft auch die Frage nach der Schuld oder Mitschuld
führender Manager bei riskanten Spekulationsgeschäften, die nun
- im internationalen Zusammenspiel - eine Lawine ausgelöst haben,
auf.
An jenem 13. Oktober wurden nun, von 9 bis 18 Stunden, wurden nun
die Repräsentanten der Finanzaufsicht, in Gestalt der beiden Wirtschaftsprüfungsunternehmen
Ernst & Young sowie Deloitte, vernommen. (Vgl. http://abonnes.lemonde.fr/societe/article/2008/10/14/la-crise-financiere-s-immisce-dans-l-affaire-kerviel_1106694_3224.html#ens_id=1106333)
Es ging darum, die Frage zu klären, ob der spektakuläre Absturz
- der noch weitaus schlimmer für die Bank hätte ausfallen können,
wäre es ihr nicht gelungen, den dramatischen Geldverlust drei Tage
lang zu verbergen, um in dieser Zeit alle riskanten Posten abzustoßen
- auch hätte vermieden werden können.
Währenddessen fand, just zur selben Zeit, eine Dringlichkeitssitzung
des französischen Kabinetts statt. Die "normalen" Tagungen
des Ministerrats finden üblicherweise am Mittwoch Vormittag statt.
Bei der Sondersitzung zu Wochenanfang ging es - im aktuellen Kontext
nicht verwunderlich - um ein Rettungspaket für die angeschlagenen
oder durch die internationale Finanzkrise bedrohten, französischen
Banken.
Die Öffentlichkeit und die Medien des Landes verfolgten in diesem
Kontext besonders intensiv die Justizaktivitäten rund um die "Kerviel-Affäre".
Aber worum ging es dabei genau?
Ein Rückblick auf den Finanzskandal des Jahrzehnts
Der 31jährige Trader Jérôme Kerviel hatte zu Beginn dieses Jahres
insgesamt 50 Milliarden Euro im Namen der drittgrößten französischen
Bank - der Société Générale, für die er arbeitete - aufs Spiel gesetzt.
Bei riskanten Börsenoperationen spielte er für "seine"
Bank mit einem so hohen Einsatz, dass letzterer das Eigenkapital
des Kreditinstituts, das ihn beschäftigte, bei weitem überstieg.
Letzteres betrug, je nach Angaben, 24 respektive knapp 31 Milliarden
Euro.
Er habe darauf gehofft, dass nach dem damaligen ersten Börseneinbruch
- der in den ersten Wochen dieses Jahres durch die Ausläufer der
aus den USA herüber schwappenden "Subprime-Krise" verursacht
wurde - damit zu rechnen sei, dass die Märkte schnell wieder anzögen
und er daraus Gewinn schlagen könne. Dies erklärte Jérôme Kerviel
den Ermittlern, die ihn Mitte Januar vorübergehend festnahmen und
nach dreitägigem Verhör unter Justizauflagen wieder auf freien Fuß
ließen. (Vgl. ausführlich: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/27/27185/1.html)
Zunächst wurde dabei die Frage aufgeworfen, inwiefern Jérômé Kerviel
- der laut ersten Angaben "glaubte, sich beweisen zu müssen",
und seine Fähigkeiten unter Beweis stellen wollte - dabei ohne Wissen
seiner Vorgesetzten handelte. Seitens der Bank wurde zunächst eine
Version ausgestreut, wonach Kerviel beinahe an den internen Aufsichts-
und Kontrollmechanismen gescheitert wäre, diese jedoch auf geschickte
Art und Weise habe umgehen können: Dank intensiver persönlicher
Kontakte, die er zu Arbeits- und früheren Studienkollegen im Back
Office habe knüpfen können, sei es ihm gelungen, sich ständig die
neuen Passwörter für die Computer der Bank - nach ihrer am laufenden
Band erfolgenden Veränderung - zu besorgen. Auf diese Weise sei
es ihm gelungen, im Rücken von Vorstand und Kontrollbeauftragten
tätig zu werden.
Diese Darstellung hat sich längst als völlig unhaltbar erwiesen.
Inzwischen ist bekannt, in welch hohem Ausmaß die Führung der Geschäftsbank,
über Monate hinweg, im Detail über das Agieren ihres Angestellten
informiert war. Seit April 2007 hatten nämlich mehrfach Krisensitzungen
stattgefunden und waren E-Mails gewechselt worden, auf denen respektive
in denen ausführlich von den fiktiven Operationen Kerviels die Rede
war. Und davon, dass sie die Bank im Falle, dass es schief ginge,
teuer zu stehen kommen könnten. (Vgl. http://www.lejdd.fr/cmc/societe/200842/la-hierarchie-de-kerviel-savait-tout-_156212.html)
Nur Jérôme Kerviel wusste nicht, dass seine Vorgesetzten wussten,
was er trieb, und dies ziemlich genau.
Doch die Bankführung hatte sich damals - mehrheitlich - dazu durchgedrungen,
nicht gegen die riskanten Spekulationsgeschäfte zu unternehmen,
die ihren Angestellten zu Schwindel erregenden Höhenflügen trieben.
So lange es gut ging, so die dahinter stehende Philosophie, konnten
die Gewinne zugunsten der Bank verbucht werden. Denn Kerviel ging
es kaum darum, sich persönlich finanziell zu bereichern, abgesehen
vielleicht von steigenden Bonuszahlungen für seine "außerordentlichen
Leistungen" - doch die Spekulationsgewinne steckte er keineswegs
in die Tasche, sondern sie wurden der Société Générale zugeschrieben.
Kerviel, der mutmaßliche aufgrund seiner unterschiedlichen Auskunft
und Herkunft Minderwertigkeitskomplexe gegenüber den übrigen Tradern
der Bank hegte, wollte wohl wirklich hauptsächlich seine "ungeahnten
Fähigkeiten" unter Beweis stellten. Aber wäre es schief gegangen,
so lautete jedenfalls die Erwartung, dann ließ sich Alles ihm allein
in die Schuhe schieben.
Es ist nun schief gegangen, und zwar gründlich. Im Januar konnte
die Société Générale gleich 7 Milliarden Verlust auf einmal schreiben:
4,9 Milliarden an roten Zahlen rührten aus den Spekulationsverlusten
Jérôme Kerviels. Und mit weiteren 2,2 Milliarden Euro Verlust trug
damals bereit das "Herüberschwappen" der so genannten
Subprimes-Krise über den Atlantik zu Buche.
Inzwischen gibt es auch bereits einen zweiten "fetten"
Bankenskandal, denn am Sonntag (19. Oktober) wurde bekannt, dass
der nationale Dachverband der französischen Sparkassen - la Caisse
nationale des caisses d'épargne - binnen weniger Stunden aufgrund
von "ungeschickten" Spekulationsgeschäften ihrer Trader
600 Millionen Euro verjuxt hat. Drei Führungsmitglieder des Sparkassen-Dachverbands
traten daraufhin am Sonntag zurück.
Der französische Staat wird die Verluste der nationalen Banken auffangen,
und hat an diesem Montag (20. Oktober) bereits mit der Ausschüttung
von 10,5 Milliarden Euro an die "Not leidenden" Kreditanstalten
begonnen. Unter ihnen die Société Générale, die mit 1,7 Milliarden
bedacht wird, um ihr Eigenkapital aufzustocken und sie für Aufkaufversuche
unanfälliger zu machen. Umso unglaubwürdiger aber wird es künftig
werden, den Französinnen und Franzosen vorzuhalten, es sei so unglaublich
schwer, irgendwelche Mittel für dieses oder jene gesellschaftliche
Bedürfnis loszueisen. Eine Karikatur, die Anfang der Woche auf einem
KP-Flugblatt übernommen wurde, bringt es auf den Punkt. Trifft ein
Bettler den anderen: "Ich war in der Metro und habe (den Leuten)
erzählt, ich sei ein erwerbsloser Arbeiter, der keinen Anspruch
auf Arbeitslosengeld mehr hat. Ich bekam 2 Euro." Daraufhin
der andere: "Du machst es falsch! Ich war vor dem Amtssitz
des Premierminister und habe erzählt, ich sei Banker. Ich erhielt
ein paar Milliarden."
Banken wieder flüssig machen?
Die "Kerviel-Affäre" ist in Frankreich nun zum sinnfälligen
Symbol für die Skrupellosigkeit, aber auch übertriebene Risikofreude
der Privatbanken bei Spekulationsgeschäften geworden. Vor diesem
Hintergrund verspürt das Publikum zunächst eine gewisse Unlust,
die in Bedrängnis geratenen Bankinstitute wieder flüssig zu machen.
"Es ist", meinen manche oppositionellen Stimmen, "als
ob man jemandem einen Riesenhaufen Geld im Casino verzocken lässt
- und sobald er ruiniert die Türe tritt, gibt man ihm (im Namen
des Notstands) wieder Geld, damit er hineingeht und weiter zockt."
Doch nachdem die Ausmaße der Krise nun vielen Französinnen und
Franzosen bedrohlich zu erscheinen beginnen, hat sich nun doch ein
teilweiser Sinneswandel eingestellt. Denn die drohende Verknappung
des Kredits, für Privatkunden wie für Unternehmen, sorgt für eine
Verlangsamung der "ökonomischen Maschinerie". Im August
(dem letzten Monat, für den bislang die offizielle Statistik der
Arbeitslosenzahlen bekannt gegeben wurde) gab es allein in einem
Monat 42.000 zusätzliche Arbeitslose, was als schlechtes Omen gilt.
Und seit Anfang Oktober dieses Jahres hat die Regierung erstmals
eingeräumt, dass Frankreich inzwischen in die Rezension eingetreten,
was von der gängigen Definition her bedeutet, dass das Land in mindestens
zwei Trimestern hintereinander ein negatives Wirtschaftswachstum
verzeichnet. Nachdem für das laufende Vierteljahr zunächst ein Wachstum
in Höhe von 0,8 % vorausgesagt worden war, räumte das Nationale
Statistikamt INSEE vor kurzem ein, dass es bei höchstens Null oder
darunter liege werde - und dies zum zweiten Mal in Folge. Damit
ist Frankreich im engeren Sinne in die Rezension eingetreten, wie
die konservative Regierung nunmehr am 3. Oktober erstmals auch -
widerwillig zwar - einräumte (vgl. http://www.france24.com/fr/20081003-france-recession-finance-pib-croissance-baisse-pouvoir-achat).
Auch wenn der amtierende rechtskonservative Haushaltsminister, Eric
Woerth, vor den Kameras dank einer feinsinnigen Wortwahl hinzusetzte,
es handele sich um eine "technische Rezession", als ob
dies einen Unterschied ausmachen würde (vgl. http://www.lepoint.fr/actualites-economie/eric-woerth-admet-une-recession-technique/916/0/279426).
Der Notfallplan des Kabinetts Fillon
Dem Beispiel anderer Länder folgend, hat das französische Kabinett
nun am Montag, den 13. Oktober einen Dringlichkeitsplan zugunsten
der nationalen Banken aufgelegt respektive an diesem Tag verkündet.
In ihm geht es um zweierlei: Auf der einen Seite tritt der Staat
für Kredite zwischen den Bankinstituten in Höhe von insgesamt 320
Milliarden Euro als Garant auf den Plan. Diese Maßnahme soll insbesondere
dazu dienen, dass das Geschäft des gegenseitigen Geldverleihens
zwischen den Kreditinstituten nicht zum Erliegen kommt. Ansonsten
müsste nämlich jede Bank strengstens darauf beacht sein, dass sie
ab jetzt nicht mehr Geld verleiht, als sie im schlimmsten Falle
- also wenn infolge eines drastischen "Vertrauensverlusts"
alle ihre Kunden auf einmal ihre bei der Bank geparkte Summen abholen
möchten - auch auszahlen kann. Dies würde bedeutet, den Kredithahn
auf drastische Weise zuzudrehen, also den Konsum der Haushalte ebenso
wie Investitionen der Unternehmen zu erdrosseln.
Allerdings möchte der Staat den Banken dadurch, dass er als (notfalls
in Haftung tretender) Garant einspringt, kein Geschenk bereiten:
Er plant nämlich, den Banken das Geld, das er in seinem eigenen
"guten Namen" auf den Finanzmärkten ausleiht, den Kreditinstituten
teurer, also zu - etwas - höheren Zinssätzen, weiter zu verleihen.
Deshalb sollen, so schwören Präsident Sarkozy und führende Regierungspolitiker
bisher jedenfalls einhellig, für den Steuerzahler keine Verluste
aus dieser Staatsgarantie erwachsen. Die Garantie über 320 Milliarden
soll eine rein potenzielle Größe bleiben. Soweit, jedenfalls, die
Theorie: In der Praxis allerdings könnte jedenfalls ein Teil der
320 Milliarden fällig werden, sobald ein - oder mehrere - grö eres
Kreditinstitut nicht in der Lage sein wird, für Verbindlichkeiten
aufzukommen, für die der Staat dann als Garant eingetreten ist.
In dem Falle wird der Staat, ganz real, in Zahlungspflicht treten
müssen. Zwar hat er vor, sich seinerseits durch Immobilienverkäufe
oder (Zwangs-)Aufkäufe der durch die betroffenen Banken gehaltenen
Gläubigerposten zu bedienen. Allerdings: Falls diese Gläubigertitel
nichts taugen bzw. ihnen in der Realität nur ein geringer Wert zukommt,
beispielsweise weil es sich um stark risikobehaftete, so genannte
"giftige Titel" - also bspw. Derivate, die ursprünglich
aus Subprime-Geschäften stammen - handelt, dann bleibt der Staat
auf seinen Verbindlichkeiten sitzen. In diesem Falle wird sich,
ganz automatisch, seine Verschuldung um noch ein Stücken erhöhen..
(Vgl. http://www.marianne2.fr/Comment-depenser-360-milliards-qu-on-n-a-pas_a92260.html?preaction=nl&id=5908561&idnl=25533&)
Zum Anderen aber wird der Staat auch 40 Milliarden Euro unmittelbar
in das Eigenkapital der Bank hineinpumpen. Wie oben erwähnt, hat
er damit am Montag dieser Woche (20. 10.) auch bereits begonnen,
durch die Ausschützung von insgesamt 10,5 Milliarden Euro. Diese
insgesamt vierzig Milliarden sollen durch die "Gesellschaft
zur Anteilsnahme des Staates" (Société de prise de participation
de l'Etat), deren Gründung Premierminister Fillon vorige Woche angekündigt
hatte, verwaltet werden. Überall dort, wo "Not leidende"
Banken in Zahlungsschwierigkeiten zu geraten drohen, soll dieser
Organismus ihnen die erforderlichen Mittel zuschießen und in ihren
Eigenkapitalstock investieren.
Hier liegen die Dinge nun anders als bei der, nur potenziell sich
realisierenden, Staatsgarantie für die Kreditgeschäfte zwischen
Banken: Diese 40 Milliarden Euro werden sofort fällig. Zwar sind
sie nicht direkt vom Steuerzahler aufzubringen, aber sie werden
unmittelbar auf die Neuverschuldung des Staates angeschrieben.
"Nationale Einheit" wird beschworen. Parlamentsopposition
in der Klemme
Die parlamentarische Opposition zögerte zunächst, ihr Herangehen
an den Krisenplan vom Montag betreffend, um dann (grö tenteils)
doch nicht dagegen zu stimmen. Die quantitativ bedeutendste Oppositionspartei,
also die französische Sozialdemokratie, zeigte sich - wie im Augenblick
bei jeder wichtigen wirtschaftspolitischen Frage - gespalten. Zwischen
dem Ausruf "Sauerei" und dem Bestreben, "staatspolitische
Verantwortung" inmitten des kapitalistischen Krisenprozesses
(und seiner Verwaltung) zu übernehmen, zeigten sowohl die Sozialdemokratie
als auch die Grünen alsdann eine Tendenz zum "konstruktiven"
Herangehen an den Bankenplan. Und einer durch den regierenden Bürgerblock
erzeugten, nationalen Notstandsstimmung konnte die Parlamentsopposition
sich dann auch kaum entziehen. Letztendlich enthielt die Sozialdemokratie
sich bei den Abstimmungen in den beiden Kammern des französischen
Parlaments - am Dienstag, 14. Oktober in der Nationalversammlung
und am Mittwoch, 15. Oktober im Senat - des Votums, wie im Übrigen
bei vielen entscheidenden Stimmgängen der letzten Wochen und Monate.
(Beispielsweise bei der durch Sarkozy angeordneten, jüngsten Überarbeitung
der Verfassung der Präsidialrepublik, über die im Juli 2008 abgestimmt
wurde und die - aufgrund der erforderlichen qualifizierten Mehrheit
- gegen die Stimmen ihrer Parlamentarier nicht hätte angenommen
werden können).
Unterdessen beschwört die konservative Regierung unter François
Fillon, unter Anrufung des Notstandsrisikos, die Notwendigkeit einer
"nationalen Einheit". Premierminister Fillon benutzte
mehrfach den Begriff. Und er erwog öffentlich die Bildung eines
"Krisenkabinetts", das die Repräsentanten breitere politische
und soziale Kräfte als die jetzige Regierung umfassen und so die
hinter ihnen stehenden Formationen zusammenschwei en könnte. (Vgl.
http://abonnes.lemonde.fr/la-crise-financiere/article/2008/10/13/contre-la-crise-fillon-en-appelle-a-nouveau-a-l-unite-nationale_1106457_1101386.html)
Deutsch-französische Konflikte erschüttern die EU
Der französische Rettungsplan ist nicht viel anderes als die "nationale
Durchdeklinierung" des koordinierten Plans der Länder der Euro-Zone,
den sie bei einem Treffen ihrer Staats- und Regierungschefs am Sonntag
in Paris bekannt gegeben hatten. Die fünfzehn Staatslenker waren,
zusammen mit dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB)
sowie dem britischen Premierminister Gordon Brown - dessen Land
nicht der Euro-Zone angehört -, für dieses Wochenende vom französischen
Präsidenten Sarkozy in den Elysée-Palast eingeladen worden.
Heraus kam eine Art von Kompromiss zwischen zwei grundsätzlichen
Konzeptionen zum Umgang mit der Krise, die sich bislang gegenüber
gestanden hatten. Einerseits plädierten innerhalb der EU vor allem
Deutschland, Irland und das Nicht-Euro-Mitglied Großbritannien -
jedenfalls in der Anfangsphase der Zuspitzung der Krise - dafür,
eine nationale Krisenverwaltung durchzuexerzieren. Jedes Land solle,
im Prinzip im Alleingang, für die Rettung seiner eigenen Banken
tätig werden. Insbesondere die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel
und der französische Präsident Sarkozy, der eher für koordiniertes
Abkommen plädierte, rasselten dabei zu Anfang aufeinander. Deutsche
Regierungsmitglieder erklärten dabei den Franzosen, es komme in
Vorwahlkampfzeiten nicht in Frage, den deutschen Steuerzahler -
der ohnehin "größter Nettozahler" in der EU sei - für
die Rettung einer portugiesischen oder britischen Bank aufkommen
zu lassen. Kanzlerin Merkel plädierte ihrerseits: "Wir werden
nicht allen Banken einen Blankoscheck ausstellen, selbst wenn ihr
Verhalten tadellos war." Aber die deutsche Seite fing dann
ab dem 5. Oktober doch an, von ihrer bisherigen Position abzurücken,
nachdem die akute Krise beim Institut ‚Hypo Real Estate' ausgebrochen
war. Allerdings gingen die deutschen Repräsentanten auf den EU-weiten
Treffen zu erst einmal auf Tauchstation, und entsandten zu einem
Finanzministertreffen zu Anfang der vorletzten Woche einen weitgehend
unbekannten Vertreter, der zu keiner aussagekräftigen Stellungnahme
befugt war - Bundesfinanzminister Peer Steinbrück hatte sich krankschreiben
lassen.
Die Tatsache, dass die EU in zugespitzen Krisenzeiten nicht handlungsfähig
schien, sondern die nationalen Egoismen sich durchzusetzen schienen,
wurde übrigens sogleich durch die nationalistischen EU-Gegner oder
"-Skeptiker" lautstark begrüßt. Die französische rechtsextreme
Politikerin Marine Le Pen etwa beglückwünschte sich in der Öffentlichkeit
für diese "Rückkehr der Nationen", die nur jede für sich
in ihrem jeweiligen Eigeninteresse handelten. (Vgl. http://video2007.over-blog.com/article-23611471.html,
zweites Video von oben, datiert vom 10. Oktober 2008. Vgl. dazu
auch: http://www.aujourdhui.ma/international-details64407.html)
Angesichts der fortschreitenden Zuspitzung der Krise schien des
Vorgehen jedoch kaum noch haltbar. Nun hat sich die EU allerdings
bisher auch nicht zum Gegenteil, also einem gemeinsamen "föderalen"
Rettungspaket wie dem 700 Millionen Dollar schweren Paulson-Plan
in den USA, durchringen können. Dennoch zeigte die Union sich bemüht,
ihre Existenz als gemeinsam handelnde Struktur auch in dieser Krisenperiode
nun doch noch zu zeigen. Also einigte man sich am Sonntag auf einen
Kompromiss, der zwar immer noch auf nationalen Aktionsplänen der
15 Mitgliedsländer der Euro-Währung basiert - aber darauf hinausläuft,
diese simultan zu verkünden und gleichzeitig anlaufen zu lassen.
Die Franzosen mussten sich dabei ihrerseits eine Maßnahme in ihr
Paket hineinschreiben lassen, die sie zunächst nicht gewollt hatten.
Die Übernahme einer staatlichen Garantie für Kredite zwischen den
Bankinstituten (in Frankreich derzeit in Höhe von 360 Milliarden
Euro, gegenüber 400 Milliarden in Deutschland) hatte nämlich das
französische Finanzministerium unter Christine Lagarade zunächst
abgelehnt: Es sei "zu kompliziert und zu teuer". Doch
dieses Mal war es die deutsche Seite, die auf die Aufnahme dieses
Aspekts drängte. Denn die finanzielle Situation der angeschlagenen
deutschen Kreditinstitute wirkte weitaus schlechter als die vieler
französischer Banken. In Paris hatte man zunächst nur an die staatliche
Hilfe zur Rekapitalisierung "bedrohter" Banken (in Frankreich
derzeit 40 Milliarden, in Deutschland aktuell 80 Milliarden Euro)
denken wollen, aber dann an diesem Punkt nachgeben müssen.
Inwiefern die zwischenstaatlichen Konflikte nun beigelegt, lässt
sich im Augenblick noch nicht mit Sicherheit feststellen. Während
etwa in der Druckausgabe der Boulevardzeitung ‚Le Parisien' am Dienstag,
14. Oktober von einer "unverbrüchlichen Einheit vor allem zwischen
Berlin und Paris" in den letzten Krisentagen die Rede ist,
sprach die Tageszeitung ‚Libération' am Montag, 13. OKtober von
einem "Paar, das es nur als Fassade gibt". In Wirklichkeit,
so proklamierte der Untertitel ihres Artikels, "zerfetzten"
sich Sarkozy und Merkel "bezüglich des Umgangs mit der Krise"
(vgl. http://www.liberation.fr/economie/0101123861-paris-berlin-couple-de-facade).
Innenpolitischer Streit in Frankreich: Pluspunkt für Gaullisten
Guaino
Im innerfranzösischen Streit hat sich unterdessen ein Teil der regierenden
Rechten erfolgreich gegen andere Flügel, aber auch gegen die sozialdemokratische
Parlamentsopposition profilieren können. Als einer der wichtigsten
politischen Gewinner der Krisenverwaltung gilt derzeit der als "traditioneller
Gaullist" - und ehemaliger Gegner des Maastricht-Vertrages
zur EU von 1991 - geltende Präsidentenberater Henri Guaino durchsetzen
können. Der bürgerliche Politiker, Anhänger einer (nicht sozialistisch
ausgerichteten) starken Staatsintervention in der Tradition des
Gaullismus der 1950er und 1960er Jahre, wird etwa durch das Wochenmagazin
‚Nouvel Observateur' als wieder stark im Kommen dargestellt. (Vgl.
http://hebdo.nouvelobs.com/hebdo/parution/p2292/articles/a385283-.html)
Zwischenzeitlich war der einem starken Staat, jedoch ohne sozialistische
Aspekte, und einem teilweise dick aufgetragenen in gaullistischer
Tradition verbundene Politiker unter starken Druck seitens der wirtschaftsliberalen
Kräfte innerhalb des regierenden Rechtsblocks geraten. Im vergangenen
Jahr sah es zeitweise so aus, als würde er durch ebenso glühend-katholische
wie wirtschaftsliberale Präsidentenberaterin Emmanuelle Mignon,
seine direkte Konkurrentin, auf die Seite gedrängt. Und manche Angehörigen
von Nicolas Sarkozys Wahlkampf- und Beraterteam hatten ihn 2007
zunächst zu belächeln begonnen.
Inzwischen aber ist Henri Guaino wohl wieder zum unbestrittenen
wichtigsten Redenschreiber Nicolas Sarkozys aufgerückt. Ihm ist
wohl auch Sarkozys Ansprache vor UMP-Anhängern im südfranzösischen
Toulon vom 25. September 2008 zur Krise, die auch im französischen
Fernsehen an die Nation übertragen wurde, zu verdanken. In dieser
Rede hatte Sarkozy einerseits betont, "die Zeit des Laissez-faire"
auf de Finanzmärkten und der Aufgabe jeglicher staatlicher Kontrolle
über die Märkte sei "vorbei". Auf der anderen Seite hatte
er seine Bindung an die kapitalistische Wirtschaftsordnung betont,
indem er ausrief, "manche Verhaltensweise der letzten Jahre"
hätten "sämtliche Werte des Kapitalismus verraten". Wogegen
ihn die Pariser Abendzeitung vom letzten Samstag Abend daran erinnerte,
dass es aber - im Gegensatz zu der von ihm an dieser Stelle proklamierten
Vorstellung - in der bisherigen Geschichte "keinen Kapitalismus
ohne Krisen" gegeben habe.
Nicht zuletzt bringt Henri Guainos Positionierung, die auch auf
Präsident Sarkozys Rhetorik abfärbt, auch die Parlamentsopposition
in Schwierigkeiten. Denn der französischen Sozialdemokratie als
stärkster parlamentarischer Oppositionskraft ist es bisher kaum
gelungen, eigenständige Vorstellungen vorzutragen, die über die
Vorschläge aus dem Sarkozy-Lager zur "Neubegründung des Kapitalismus"
hinausgingen. (Vgl. http://abonnes.lemonde.fr/web/son/0,54-0@2-1101386,63-1106633,0.html)
Die französische Sozialistische Partei (PS) bereitet sich unterdessen
fieberhaft auf ihren nächsten Parteitag vor, der vom 14. bis 16.
November 2008 in Reims östlich von Paris stattfindet - und ist vor
diesem Hintergrund überwiegend mit Diadochenkämpfen zwischen ihren
Parteiführern und -führerinnen sowie Anwärterinnen auf den künftigen
Vorsitz beschäftigt. Kurz, in der Partei dreht sich im Moment fast
alles um sich selbst. Malek Boutih, ein PS-nachwuchspolitiker, schlug
nun jedoch am zweiten Oktober-Wochenende vor, den Kongress zu verschieben,
und zwar mit der Begründung: "Alle programmatischen Anträge
zum Parteitag wurden vor der jüngsten Finanzkrise verfasst. Alle
sind (deshalb) neben der Spur." Die wichtigsten Kandidatinnen
und Kandidaten für den Parteivorsitz lehnten dieses Ansinnen jedoch
umgehend ab. Martine Aubry setzte ihm etwa entgegen: "Gerade
jetzt brauchen uns die Französinnen und Franzosen dringender denn
je." Ob daraus jedoch wirkliche Ausstrahlungskraft erwächst,
bleibt wohl abzuwarten.