Dreitätige Tagung der ehemaligen iranischen politischen
Gefangenen, 2007
Politische Gefangene und soziale
Bewegungen
Veranstaltungskomitee: Im Exil lebender ehemaligen politischen Gefangene
aus
dem Iran und linke politische Aktivisten im Exil
Nach dem durchschlagenden Erfolg des Seminars von 2005 zum Thema
"Massaker an politischen Gefangenen und Regimegegnern in den
Jahren 1981-1988 im Iran" wird nun eine 3-tätige Tagung organisiert,
zu dem Teilnehmer aus aller Welt erwartet werden. Thema der diesjährigen
Tagung lautet "Politische Gefangene und soziale Bewegungen".
Schwerpunkte:
1. Die Arbeiterbewegung und die politischen Gefangenen.
2. Die Frauenbewegungen und die politischen Gefangenen.
3. Die Diskriminierung und die Unterdrückung der ethnischen Minderheiten
im Iran und die Behandlung ihrer politischen Gefangene
4. Die Studentenbewegungen und die politischen Gefangenen.
Die Seminarvorträge werden in persischer Sprache gehalten, die
Möglichkeit einer persisch-deutschen Übersetzung ist aber vorhanden.
Übersetzungen aller Beiträge werden schnellstmöglich auf der Homepage
der Zeitschrift www.dialogt.org veröffentlicht. Einige der Vortragenden
sind bereit, während der Tagung Interviews (auch auf Deutsch oder
Englisch) zu geben; entsprechende Räumlichkeiten stehen zur Verfügung.
Wie beim letzten Seminar wird es auch diesmal wieder ein Kulturprogramm
mit verschiedenen Beiträgen geben. Eine Ausstellung beschäftigt
sich mit Briefen, Testamenten und Tagebüchern sowie künstlerischen
Handarbeiten politischer Gefangener. Musiker spielen alte und neue
Lieder der verschiedenen Bewegungen. Eine Fotowand gedenkt der Menschen,
die unter der Folter oder durch die Hinrichtungskommandos ihr Leben
verloren.
Genaueres zu den Schwerpunktthemen kann dem Anhang entnommen werden.
Ort: Köln
Zeit: 24.-26.8.2007
Ort: JUGENDHERBERGE KÖLN-RIEHL
An der Schanz 14
50735 Köln
Live-Übertragung: Paltalk - TV-Übertragung
Pressekonferenz: voraussichtlich Fr., 24.8.2007, 14:00 -16:00
Kontakt: dialogt@gmail.com
Dreitätige Tagung der ehemaligen politischen Gefangenen aus dem
Iran, 2007
Politische Gefangene und soziale Bewegungen
Veranstaltungskomitee: Im Exil lebende ehemalige politische Gefangene
aus dem Iran und linke politische Aktivisten im Exil
Programm
Freitag, 24.8.2007
14:00 Eröffnung, Pressekonferenz (geplant)
17:30-20:30 Einführung in verschiedene Themen (3 Vorträge):
1. Die Arbeiterbewegung und die politischen Gefangenen.
2. Die Diskriminierung und die Unterdrückung der ethnischen Minderheiten
im Iran und die Behandlung der politischen Gefangenen
3. Die Studentenbewegung und die politischen Gefangenen
Kulturelles Abendprogramm
Samstag, 25.8.2007
9:00-10:15 Arbeiterbewegung (4 Vorträge und Workshop )
Kaffeepause
10:30-12:15 Diskriminierung und die Unterdrückung der ethnischen
Minderheiten (4 Vorträge und Workshop )
Mittagspause
13:30-16:00 Frauenbewegung (6 Vorträge und Podiumsdiskussion)
Kaffeepause
16:30-19:00 Studenten- und Jugendbewegung (6 Vorträge und Workshop)
Solidaritätsabend mit politischen Gefangenen in aller Welt; mit
Kulturprogramm sowie Berichten aus dem Iran, der Türkei, dem Baskenland,
Kolumbien usw. (deutsche und englische Übersetzung geplant)
Sonntag, 26.8.2007
9:00-12:00 Diskussionen über die Perspektiven der Bewegung für die
Verteidigung der politischen Gefangenen und über rechtliche Möglichkeiten,
gegen die Verbrechen des iranischen Regimes vorzugehen.
Insbesondere soll über die Möglichkeit der Einsetzung eines unabhängigen
Tribunals beraten werden, das die Menschenrechtsverletzungen, Völkerrechtsverletzungen,
Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die Massenhinrichtung politischer
Gefangene in den 1980er Jahren und den im Iran begangenen Genozid
untersucht.
Interviews
Für Interviews in deutscher Sprache stehen Frau Mojdeh Arassi und
Herr Siavosh Mahmoudi; in englischer Sprache: Ali Abani und in spanischer
Sprache: M. Saburi zur Verfügung; auf Anfrage sind aber gegebenenfalls
auch Interview-Termine mit weiteren Vortragenden und in weiteren
Sprachen möglich.
Fr., 17:30-19:00
Einführung in verschiedene Themen (3 Vorträge):
1. Die Arbeiterbewegung und die politischen Gefangenen.
2. Die Diskriminierung und die Unterdrückung der ethnischen Minderheiten
im Iran und die Behandlung der politischen Gefangenen
3. Die Studentenbewegung und die politischen Gefangenen
Sa, 9:00-10:15
Die Arbeiterbewegung und die politischen Gefangenen
Die Arbeiter haben die größte und stärkste Bewegung gegen Diktatur,
Unfreiheit und Unterdrückung hervorgebracht.
Immer noch aktuell ist der Kampf der Teheraner Busfahrer um ihr
durch die ILO (deren Vorgaben auch der Iran unterzeichnet hat) verbrieftes
Recht auf eine unabhängige Gewerkschaft. Trotz des Verbots der Regierung
zur Gründung derartiger Gewerkschaften entstand 1995 eine "Gewerkschaft
des Öffentlichen Personennahverkehrs". An der Wahl des Gewerkschaftsvorstands
beteiligten sich mehrere Tausend Arbeiter. Der Gewerkschaftsvorsitzende,
Mansour Ossanlou, wurde verhaftet und mehrere Monate lang in verschiedenen
Gefängnissen gefoltert, bis der zunehmende internationale Druck
auf die Regierung zu seiner Freilassung führte. Nun, da die Aufmerksamkeit
der internationalen Öffentlichkeit nachgelassen hat, wurde er erneut
verhaftet und befindet sich derzeit in einem Gefängnis in der Umgebung
von Teheran. Mehrere hundert andere Gewerkschaftsmitglieder und
Wahlteilnehmer wurden ebenfalls verhaftet, die meisten aber inzwischen
wieder frei gelassen. Sie selbst und ihre Familien stehen allerdings
unter Überwachung und werden ständig unter Druck gesetzt und bedroht.
Ein weiteres Thema ist das Schicksal von Mahmud Salehi. Als einer
der wichtigsten Anführer und Organisatoren der Arbeiterbewegung
im Iran wurde er am 1. Mai 2007 verhaftet und ist seit 100 Tagen
im Sanandaj-Gefängnis. Er befindet sich im Hungerstreik und wird
voraussichtlich in Kürze sterben. Dennoch weigert sich die Regierung
ihn freizulassen oder ihn zumindest zu einem Arzt zu bringen.
Die Vortragenden Mahmud Khalili und Mohammad Siedahmadi berichten
über die letzten Entwicklungen im Kampf der Arbeiter für ihre Rechte.
Abendprogramm: Folklore-Musik und zwei Filmpremieren über politische
Gefangene im Iran.
Sa, 10:30-12:15
Die Diskriminierung und die Unterdrückung der ethnischen Minderheiten
im Iran und die Behandlung der politischen Gefangenen
Im Iran leben neben den Persern, die etwa die Hälfte der Bevölkerung
ausmachen, verschiedene kulturelle Minderheiten (ca. 20% türkischsprachige
Aserbaidschaner, 10% Luren und Bachtiaren, 8% Kurden, 2% Araber,
2% Turkmenen, u. a.).
Das Problem des kurdischen Volkes hat politischen und kulturellen
Charakter. Die Kurden leiden noch mehr als andere Minderheiten unter
Diskriminierung. Insbesondere ist ihnen das Leben ihrer eigenen
Kultur, die Pflege ihrer eigenen Traditionen und das Verwenden ihrer
eigenen Sprache oft nicht erlaubt. Nicht einmal in den Gebieten,
in denen fast ausschließlich Kurden leben, ist Kurdisch als Amtssprache
anerkannt; die dortigen Schulen dürfen den Unterricht nicht in kurdischer
Sprache und Schrift erteilen und nicht einmal Kurdisch als Hauptfach
unterrichten.
Die iranischen Kurden fordern ihr Recht auf Selbstbestimmung ein;
in kurdischen Gebieten soll Kurdisch zur zweiten Amtssprache erklärt
werden und Bildungseinrichtungen sollen in kurdischer Sprache unterrichten
dürfen.
Die größte kulturelle Minderheit im Iran machen die Türken (hauptsächlich
Aserbaidschaner und Turkmenen) aus. Gut ein Fünftel der iranischen
Bevölkerung zählt zu ihnen, und dennoch ist ihre Sprache nicht anerkannt.
Ebenso wie die Kurden fordern auch die türkisch sprechenden Iraner
die Möglichkeit zu Schulunterricht in ihrer eigenen Sprache sowie
zum freien Ausleben ihrer Kultur.
Mitglieder und Aktivisten verschiedener Bewegungen für kulturelle
Freiheit wurden bereits unter dem Schah-Regime und noch verstärkt
unter der islamischen Diktatur verhaftet, gefoltert und hingerichtet.
Im Anschluss an die Seminarbeiträge findet eine Podiumsdiskussion
zu diesem Themenbereich statt.
Sa, 13:30-16:00
Die Frauenbewegung und politische Gefangene
Bei der Revolution im Iran von 1979 war auffallend, dass sehr viele
Frauen am Widerstand gegen das Schah-Regime aktiv beteiligt waren.
Nach dem Übergang vom Schah-Regime zur Islamischen Republik waren
es Frauen, die ersten Opfer der islamischen Ideologie wurden.
Seit 29 Jahren werden Frauen im Namen Gottes auf der Strasse Kontrolliert,
festgenommen, gefoltert und getötet. Von Beginn an hatte das islamische
Regime inoffizielle Schlägertrupps (Hezbollah) organisiert, die
die Frauen durch Gewalt unter Kontrolle halten sollten. Später wurden
reaktionäre frauenfeindliche Gesetze erlassen, wie den Schleierzwang
oder diversen Berufsverbot für Frauen, kein Recht auf Ehescheidung,
gesetzte, die Ungleichheit zwischen Mann und Frau im politischen,
ökonomischen, sozialen und kulturellen Bereich bestimmen.
Als die allgemeine Repression gegen jegliche Opposition zum islamischen
Regime einsetzte, wurden auch sämtliche Frauenorganisationen zerschlagen.
Trotz aller Repression und aller brutalen Folterungen, Hinrichtungen
leisten die iranischen Frauen bis heute in verschiedenen Formen
Widerstand. Viele dieser Frauen wurden hingerichtet, viele sitzen
heute noch in den Gefängnissen des Irans. Einige haben das Gefängnis
hinter sich und berichten im Seminar über ihre grausamern Erfahrungen.
Trotzt der nach der Revolution offenbar gewordenen Absicht der
islamischen Republik, Frauen in grundlegenden Rechten zu beschränken,
leisten Frauen bis heute andauernden Widerstand.
Die Forderung damals und heute:
- die Schaffung einen auf sozialer, ökonomischer, politischer und
kultureller Gleichberichtungen basierenden Gesellschaft
- die Abschaffung der islamischen Republik Iran sowie der ihr zugrunde
liegenden patriarchalische werte und Normen
Sa, 17:00-19:00
Die Studenten- und Jugendbewegung und die politischen Gefangenen
Junge Menschen, insbesondere gebildete junge Menschen, waren seit
jeher ein wesentlicher
Grundpfeiler im Kampf gegen Diktatur und Unterdrückung.
Im Juli 1999 gingen Tausende von StudentInnen in Teheran, wo sich
15 der 36 iranischen Universitäten befinden, auf die Straße.
Ihre Forderungen waren: politische Unabhängigkeit der Universitäten
(insbesondere die Abschaffung der fanatisch-religiösen Hisbollah-Kontrollkomitees),
Freiheit zur Gründung von Studentenorganisationen, Abschaffung von
Diktatur und Zensur, Freilassung aller politischen Gefangenen, Demokratie
und freie Meinungsäußerung.
Diese Studentenrevolte wurde niedergeschlagen, indem Polizisten
und Geheimpolizisten in Zivil mitten in der Nacht in die Studentenwohnheime
und Büros eindrangen und mehrere Studenten töteten, indem man sie
aus dem 5. und 6. Stock aus dem Fenster warf. Die anderen Studenten
wurden größtenteils verhaftet; beispielsweise Ahmad Batebi. Er sitzt
derzeit im berüchtigten Evin-Gefängnis. Einrichtung, Computer und
persönlicher Besitz der StudentInnen wurden entweder zerstört oder
beschlagnahmt. Nach offiziellen Angaben wurden etwa 1500 Studenten
und Studentinnen und junge Demonstranten verhaftet, die tatsächliche
Zahl wird aber höher geschätzt.
Seit dem Jahrestag der Revolte von 1999 (Mitte Juli) gehen wieder
Studenten auf die Straße, boykottieren Lehrveranstaltungen und streiken.
Vor der polytechnischen Universität Teheran fand auch in diesem
Jahr wieder ein Sitzstreik statt. Und wieder wurden viele StudentInnen
verhaftet. Dagegen protestierten - und protestieren noch - ihre
Kommilitonen durch Demonstrationen vor Gerichten und Universitäten.
Im Seminar sprechen Freunde und Verwandte betroffener StudentInnen
über ihre Vergangenheit. Viele dieser Jugendliche haben ihre Kindheit
mit dem Trauma von Gefangenschaft oder Verlust (Hinrichtung) ihrer
Eltern erlebt, aber auch selbst als Kind im Gefängnis gelebt. Nun
gibt es die Möglichkeit darüber zu sprechen.
Die Studenten- und Jugendbewegung lebt!